Alle Veranstaltungen fanden in der Buchhandlung89 statt. Der Eintritt war frei.
Unter veranstaltungen@buchhandlung89.de können Sie uns gern Ihre Fragen, Anregungen und auch Kritik mitteilen.
Chansonabend mit gelesenen Texten am Donnerstag den 22. November 2012 um 19.00 Uhr
"Wenn sich der Untergrund bewegt"
Karl-Heinz Bomberg-Gesang, Gitarre
Otmar Desch-Klavier
Der Berliner Autor, Liedermacher und Arzt Karl-Heinz Bomberg investiert gerne langes Nachdenken in kurze Niederschriften. Manchmal wird vom Wind dir kühlserviert komprimierte Ein- und Ansichten. 119 Textchen. Kurz. Knapp. Trocken. Treffend. Dieser kleine Band mit Aphorismen, Gedanken, Versen und mehr noch mit verdichteten Assoziationen liest sich nicht leicht, manchmal muss man sich die Worte gehört vorstellen, manchmal muss man ein zweites Mal lesen, um den Sinn und die Sinnlichkeit zu verstehen. Karl-Heinz Bomberg versteht es, Kalauer zu schreiben, die keine Kalauer sind, sondern Geistesblitze, die zum Denken verführen. Die Verse sind gegen eine Oberflächlichkeit gerichtet und ein schlichtes Glück: "Ohne Fensterputz kein Lichtblick"... Genüsslich, wie man vielleicht eine Zigarre paffen könnte, sollte man die Worte lesen. Es lohnt sich.
Einritt frei.
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Diskussion
Sonntag, 7. Oktober 2012um 15. Uhr
Deutsch/ Polnisch
7.10.2012 Berlin ( Niedziela) godzina 15:00
Bronislaw Wildstein
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Verschoben!
mit Willy Hieronymus Schreiber
Wen die SED nicht mochte, durchlebte einen Albtraum. Genau das widerfuhr Willy H. Schreiber. Als er es nicht mehr aushielt, floh er auf abenteuerliche Weise in den Westen. Auf Anweisung von ganz oben eröffnete die Stasi daraufhin eine erbarmungslose Treibjagd auf ihn, Tötungsversuche eingeschlossen. Daraufhin setzte er noch einen drauf und brachte seinen in der DDR zurückgebliebenen Sohn bei Überlistung der auf ihn wartenden Stasi-Schergen in den Westen. Dennoch endete die Geschichte tragisch. Das Buch basiert auf Tausenden von Originaldokumenten der Birthler-Behörde und richtet sich an alle, die sich für DDR-Geschichte, insbesondere für das Schicksal von Stasi-Opfern interessieren. Doch der spannend geschriebene Tatsachenreport befaßt sich auch mit den Aktionen des Ministeriums für Staatsicherheit im Westen und mit der Problematik des Umgangs mit den Stasi-Opfern nach 1989. Es ist besonders für Schulen gut geeignet.
Eintritt frei.
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Stasikinder von Ruth Hoffmann
Mittwoch, 19. September 2012 um 19.00 Uhr
Moderation: Lutz Müller-Bohlen
Dass die Stasi der DDR die Menschen in Ostdeutschland umfassend observierte, kontrollierte und schikanierte, ist bekannt. Weitgehend unbekannt ist, in welchem Maße das Klima aus Misstrauen, Angst und Kontrolle auch die eigenen Familien der Stasi-Mitarbeiter betraf.
Die Journalistin Ruth Hoffmann zeigt auf der Grundlage zahlreicher Interviews und intensiver Recherchen erstmals, wie sich die beklemmende Atmosphäre der Totalüberwachung auf den Familienalltag der Stasi-»Hauptamtlichen«, vor allem auf die betroffenen Kinder ausgewirkt hat. Was wussten, was ahnten diese Kinder von der Tätigkeit ihrer Eltern? Welche Auswirkungen hatte deren geheime Mission auf das Familienleben? Wie gingen sie mit der Tatsache um, dass ihr Vater bei der Stasi war? Diesen Fragen geht Ruth Hoffmann in ihrem bewegenden Buch nach.
Eintritt frei.
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Manfred Kriegel - Haftbefehl 02.11.1973
Donnerstag, 13. September 2012, um 19.00 Uhr
Mit 15 versuchte der Autor zum ersten Mal über die Ostsee der DDR zu entfliehen. Später reiste er mit Freunden nach Bulgarien und hegte den Plan, sich über Jugoslawien abzusetzen. Daraus wurde nichts und die Liebe verhinderte vorerst weitere Versuche. 1972 versuchte er es dann mit einem Freifahrtschein der Reichsbahn über die CSSR. Als er ein Jahr später in Gerstungen direkt an der Grenze arbeitete, klappte es wieder nicht. 1973 machte er erneut einen Fluchtversuch über die CSSR, wurde auf dem Todesstreifen erwischt, im Zuchthaus Brno-Bohunice für 3 Wochen eingesperrt und danach in die DDR ausgewiesen. Hier begann eine Odyssee durch die Gefängnisse in Dresden, Leipzig, Halle und Brandenburg. Ende 1974 wurde er in die BRD ausgewiesen. Was diesen Mann motivierte und was er erlebte, hat er niedergeschrieben. Das Schicksal eines Menschen, den die Mauer nicht halten konnte.
Eintritt frei.
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B U C H L E S U N G
Ikarus mit dem Bleigürtel/Babels Berg
Eintritt frei.
Alles ist möglich: Menschen landen auf dem Mond, zwischen West- und Ostberlin kann man wieder telefonieren, ein Diskus fliegt kilometerweit, ein Deutscher bekommt den Friedensnobelpreis, in einer Thüringer Kleinstadt gibt es das europaweit beste Japan-Restaurant: Anfang der 70er Jahre sprechen viele Zeichen für Aufbruch, Fortschritt und unbegrenztes Vergnügen bei erotischen Abenteuern jenseits der Familienplanung.Gustav Horbel aus Lauterberg ist in der Hauptstadt Berlin gelandet, um Physik zu studieren, denn er ist sehr neugierig darauf, was die Welt im Innersten zusammenhält. In Berlins Straßen, in Bars und Theatern, im Thüringer Wald und in den Reichsbahnzügen dazwischen lernt er dann viel mehr darüber als in Labors und Hörsälen. Während er mit Prüfungen an der Universität wenig Scherereien hat, macht er in den Prüfungen des Lebens keine besonders gute Figur, er will einfach zu hoch hinaus. Ob das am Geist dieser 70er Jahre liegt, in denen alles möglich scheint? Zwischen Traum, Wahn und Wirklichkeit stolpert Gustav durch eine bewegte Zeit.
Gott sei Dank nimmt ihn immer wieder jemand bei der Hand, manchmal ein berühmter Mann, manchmal die schönste Frau der Welt.
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Mittwoch, 11.Juli 2012 um 19.00 Uhr
Siegfried Heinrichs - DDR-Häftling,
Dichter und Verleger
Es lesen und erinnern:
Utz Rachowski (Schriftsteller,
Reichenbach)
Axel Reitel (Journalist, Berlin)
Moderation: Gerold Hildebrand (Redakteur der
Aufarbeitungszeitschrift "Horch und
Guck")
Im April starb im Alter von 70 Jahren der
Verleger Siegfried Heinrichs. 27 Jahre lang hatte er den
Oberbaumverlag in Berlin-Neukölln geführt. Im kommunistischen
Machtbereich sowie in anderen Diktaturen unterdrückte Autoren
konnten hier in kleiner Auflage publizieren. Heinrichs Empathie
für verfemte Literaten rührte aus seinem eigenen Erleben: 1964
war er wegen eines Romanmanuskripts verhaftet worden - in der
DDR, die er 1974 verließ. Seine Erfahrungen goss er in Gedichte
und Prosa.
Die Weggefährten Utz Rachowski und Axel Reitel werden mit
Lesungen seiner sowie eigener Texte an den Verleger und Dichter
erinnern. Beide sind Schriftsteller, veröffentlichten im
Oberbaumverlag, stammen aus dem Vogtland und waren wie Heinrichs
im SED-Staat politisch verfolgt und nach längerer Haft
ausgebürgert worden.
Zudem wird die Geschichte des Verlages umrissen, der ein
Zuschussunternehmen blieb und den Heinrichs mit einer
Erwerbstätigkeit als Materiallagerleiter finanzierte.
Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Bürgerkomitee "15. Januar" e.V.
Einritt frei.
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Donnerstag, 26.Juli 2012 um 19.00 Uhr
Mittwoch, 16. Mai 2012 um 19.00 Uhr
B U C H L E S U N G
Eine Veranstaltung mit Unterstützung der Europäischen Kommission für Menschenrechte e.V.
Die Perestroika bereitet dem Sowjetreich ein Ende. Agent Nikolaj Gribojedow, auf Mission in der DDR, wartet auf Anweisungen aus Moskau - vergeblich. Er beginnt eine neue Existenz in Berlin aufzubauen. Doch kaum hat er sich in seinem Leben als Zivilist eingerichtet, bekommt er den langen Arm des Geheimdienstes zu spüren und wird auf eine undurchsichtige Mission in ein orthodoxes Kloster geschickt. In Moskau sitzt eine Künstlerin auf der Anklagebank. Der Vorwurf: Beleidigung religiöser Gefühle. Zwar gelingt es ihr, sich nach Berlin abzusetzen, doch dort verliert sich ihre Spur. Die Journalistin Tanja Legat beginnt Nachforschungen anzustellen, die sie in ein orthodoxes Kloster in Deutschland führen.
Eintritt frei.
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Montag, 23.April 2012, 19.00 Uhr Weltag des Buches
Reisen war für DDR-Bürger auch in Richtung der sozialistischen Bruderländer staatlich reglementiert.
Doch Reisen war in der DDR ein heikles Thema. Der Westen war sowieso tabu, aber auch Richtung Osten gab es vielerlei Einschränkungen. Nicht einmal in die Sowjetunion, den vielbeschworenen Retter und großen Bruder, durfte man ohne offizielle Erlaubnis und den Geleitschutz einer Reisegruppe besuchen. Doch gerade das Verbotene lockte. Unangepasste junge Leute unternahmen mit Hilfe eines Transitvisums, das nur für drei Tage galt, wochenlange riskante Expeditionen in ein Riesenreich, das elf Zeitzonen umfasste und gigantische Landschaften versprach. Wer sich derart illegal und unerkannt durch Freundesland bewegte, konnte alle Absurditäten des sowjetischen Alltags und der Bürokratie kennenlernen, die kein normaler Tourist mitbekam. Zugleich kam die deutsch-sowjetische Freundschaft in den unvermutetsten Situationen zum Tragen. Fast alle Reisenden erlebten eine schier unglaubliche Gastfreundschaft.
Eintritt frei.
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Donnerstag, 14.Juni 2012 um 19.00 Uhr
Wir sind die Guten“ ist eine fotografische Reise durch den Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, eine Hochburg der „Antifa“ und der Hausbesetzerszene. In keiner anderen Gegend Europas gibt es eine so hohe Dichte an politischen Plakaten und Aufklebern – sie sind oftmals witzig, häufig verworren in ihren Aussagen und gelegentlich erschreckend brutal. Die Macher der Plakate glauben, dass alle Mittel im Kampf gegen ihre Gegner recht sind, denn sie sind sich sicher: „Wir sind die Guten!“
Eintritt frei.
Donnerstag, 12. April 2012, 19.00 Uhr
B U C H L E S U N G
Friederike Beck
"Das Guttenberg-Dossier: Das Wirken transatlantischer Netzwerke und ihre Einflussnahme auf deutsche Eliten"
Moderiert von Vera Lengsfeld
Eine Veranstaltung mit Unterstützung der Europäischen Kommission für Menschenrechte e.V
Karl Theodor zu Guttenberg – ein Shootingstar im Polittheater. Doch so rasch, wie er auftauchte, verschwand er auch wieder. Eines aber bleibt gewiss: Er wird wiederkehren – oder ein anderer „Guttenberg“ nachrücken. Denn die Karriere des smarten Freiherrn darf als Musterbeispiel US-amerikanischer Einflussnahme auf deutsche Nachwuchskräfte gelesen werden. In diesem Buch erfahren Sie, was Sie in bisher veröffentlichten Biografien über „KT“ vermisst haben: wo seine politischen Wurzeln liegen, wer seine Förderer sind, was sein Handeln motiviert. Das Buch enthüllt aber auch, dass sich zu Guttenberg in bester Gesellschaft befindet mit vielen anderen transatlantisch geprägten „Größen“ aus Politik, Wirtschaft oder Medien und welche Gefahren diese geschlossenen Netzwerke für unsere Demokratie bedeuten.
Eintritt frei.
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Donnerstag, 29. März 2012, 19.00 Uhr
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C D - V O R S T E L L U N G
Detlef Jablonski (geb. 1955 im Frauengefängnis Jerichow) wuchs zunächst in einem Kinderheim, später in einer Pflegefamilie in Berlin auf. 1970 und 1974 versuchte er, zu seiner leiblichen Mutter in den Westen zu fliehen. Beide Fluchtversuche misslangen. Er wurde zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt. Nach seiner Haftentlassung in die DDR wurde er jahrelang vom Staatssicherheitsdienst spürbar observiert. Jablonski stellte mehrere Ausreiseanträge, die erst 1987 bewilligt wurden.
Eintritt frei.
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Donnerstag, 15. März 2012, 19.00 Uhr
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B U C H L E S U N G
Thanh Nguyen-Brem
"Cordula - Die Lotusblume: Eine Liebesgeschichte in den Wirren des Vietnamkrieges"
Lesung mit dem Autor Dr.Thanh Nguyen-Brem
Moderiert von Vera Lengsfeld
Eine Veranstaltung mit Unterstützung der Europäischen Kommission für Menschenrechte e.V
Diese Geschichte erzählt von einer unerschütterlichen Liebe zwischen einer ungewöhnlich mutigen Krankenschwester aus Deutschland und einem aufrichtigen Piloten der südvietnamesischen Luftwaffe, beide idealistisch naiv und doch verliebt. Ihre aufwühlende Geschichte ist der Beleg dafür, dass die Wahrheit immer die Wahrheit des Andersdenkenden bleibt (frei nach Rosa Luxemburg) und entlarvt zugleich die medialen Unwahrheiten von selbst ernannten »intellektuellen und kriegsbegeisternden Friedensaposteln.«
Der Autor führt Sie zurück in den Vietnam-Krieg, seine Verbrechen und seine Folgen, beleuchtet auch die andere, vergessene Seite.
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Thomas Schaufuß
"Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR: Sozialtourismus im SED-Staat"
Lesung mit dem Autor Thomas Schaufuß
Moderiert von Vera Lengsfeld
Eine Veranstaltung mit Unterstützung der Europäischen Kommission für Menschenrechte e.V
Thomas Schaufuß erläutert die politischen Innen- und Außenansichten des FDGB-Feriendienstes der DDR, vergleicht den Feriendienst mit dem KdF und deckt die bisher unbekannten Hintergründe und politischen Verflechtungen im System des SED-Staates auf. Als Fallbeispiel analysiert er das prestigeträchtige FDGB-Erholungsheim "Am Fichtelberg". Wann immer sich ehemalige DDR-Bürger erinnern, gewinnt man den Eindruck, es gab zwei Länder mit dem Namen DDR. Für die einen ein Unrechtsstaat, für die anderen ein Land mit preiswertem Urlaub an der Ostsee, im Erzgebirge und mit gemeinschaftlichen Brigadefeiern.
Dass die hochsubventionierten, preiswerten Ferienaufenthalte ein Teil der SED-Politik und somit der sozialistischen Diktatur waren, wird anhand einer umfangreichen Aktenstudie dokumentiert.
Der Feriendienst des FDGB war Lockmittel, schöner Schein und zugleich Hauptbestandteil der DDR-Sozialpolitik. Der mitgliederstärksten Massenorganisation der DDR, dem FDGB, wurde dabei eine herausragende Rolle bei der Durchsetzung der politischen Ziele zuteil.
Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes von 1949 bis 1989 wird dargelegt, die Facetten der Reisemöglichkeiten und der Verteilung nachgezeichnet. Der Autor stellt die Wechselbeziehung zwischen DDR-Planwirtschaft und den Bedürfnissen der Urlauber bis zur Auflösung der Einheitsgewerkschaft dar.
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Dienstag, 13.12.2011, 20 Uhr
D I S K U S S I O N
"Antifaschismus - Legitimation und Lebenslüge der DDR"
Konrad Weiß, Freier Publizist und Dokumentarfilmer
Peter Grimm, Redakteur von "Horch und Guck"
Die Veranstaltung wird gefördert durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Konrad Weiß veröffentlichte 1988 in der von Benn Roolf und Torsten Metelka in Ost-Berlin herausgegebenen Samisdat-Zeitschrift Kontext den Beitrag "Die neue alte Gefahr. Junge Faschisten in der DDR".
Kurz nach der Friedlichen Revolution initiierte er als Abgeordneter von Demokratie Jetzt/Bündnis 90
die Gemeinsame Erklärung der frei gewählten Volkskammer mit dem
allerersten ddr-deutschen Schuldbekenntnis gegenüber Israel, die
Bestandteil des Einigungsvertrages wurde.
Von dem oftmals für die SED-Politik gebrauchten Begriff "Verordneter Antifaschismus" hält er nicht viel. Er spricht dagegen vom "Gebrochenen Antifaschismus", gebrochen, wie ein Wort, ein Versprechen gebrochen wird. In der neuen "Horch und Guck"-Ausgabe, erklärt er, warum und setzt sich vor allem mit der Politik und Propaganda der ostdeutschen Kommunisten gegenüber Israel auseinander.
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Mittwoch, 07.12.2011, 19 Uhr
B U C H L E S U N G
Gerald Praschl
"Roland Jahn: Ein Rebell als Behördenchef"
Lesung mit dem Autor und Chefredakteur der Superillu Geral Praschl
Moderiert von Vera Lengsfeld
Eine Veranstaltung mit Unterstützung der Europäischen Kommission für Menschenrechte e.V.
Roland Jahn, der aufmüpfige Student aus Jena, wird 1983 auf
persönlichen Befehl von Stasi-Chef Erich Mielke gegen seinen Willen aus
der DDR in den Westen abgeschoben. Doch der Thüringer lässt nicht
locker. Er unterstützt weiterhin die Bürgerrechtsbewegung in der DDR und
organisiert den Informationsfluss zu den westlichen Medien. Die
Staatssicherheit verfolgt ihn und seine Mitstreiter als vermeintliche
Agentengruppe mit Spitzeln, Abhörwanzen und sogar einer Autobombe.
Zeitweilig wird er zum Staatfeind Nummer eins. Mit den von ihm in die
DDR geschmuggelten Kameras entstanden die sensationellen Aufnahmen von
den ersten Montagsdemonstrationen in Leipzig. Die dramatische Biografie
von Roland Jahn, geboren 1953, seit März 2011 Bundesbeauftragter für die
Unterlagen des DDR-Staatssicherheitsdienstes, ist ein wichtiges Kapitel
gesamtdeutscher Geschichte, das hier zum ersten Mal umfassend
dargestellt wird.
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Freitag, 02.12.2011, 19 Uhr
B U C H L E S U N G
Stefan Welzk
"Leipzig 1968 - Unser Protest gegen die Kirchensprengung und seine Folgen"
Lesung mit dem Autor Stefan Welzk und dem sächischen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Lutz Rathenow
Drei Wochen nach Sprengung der Leipziger Universitätskirche 1968
entrollt sich in der Kongresshalle Leipzig vor Ministern und Westmedien
ein Transparent mit dem Umriss der Kirche und den Worten »WIR FORDERN
WIEDERAUFBAU!«.
Zwei der Akteure flüchten kurz darauf mit dem Faltboot übers Schwarze
Meer. Erst 1970 gerät ein Beteiligter der Aktion durch Verrat ins
Fadenkreuz der Stasi, die ein DDR-weites Netzwerk des Widerstandes
vermutet. Es folgen mehrjährige Ermittlungen, neue Verhaftungen und
Zuchthausstrafen von bis zu sechs Jahren. Der Maler des Transparentes
bleibt bis zu seiner Flucht 1978 unentdeckt.
Stefan Welzk blickt auf die Protestaktion und ihre Geschichte zurück. Er
erzählt von der Entstehung einer »subversiven« Subkultur unter
Leipziger Studenten, von Idee und Ablauf dieser Aktion und vom Schicksal
der Verhafteten und Geflüchteten. Er zeigt eindrücklich, welch
unterschiedlichen Verlauf die Lebenswege in Ost und West genommen haben.
Ernüchternd sind seine Erfahrungen im politischen Establishment der
Nachwendezeit.
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Mittwoch, 02.11.2011, 19 Uhr
B U C H L E S U N G
Hans H. Grimmling
"Die Umerziehung der Vögel: Ein Malerleben"
Lesung mit dem Autor Hans H. Grimmling
Die Ungeduld war groß, so als hätten die Autoren ihn längst in der Schublade und müssten nur noch einige Leerstellen mit den genauen Daten und Zahlen füllen. Natürlich kam er nicht. Deshalb wurde manch kleine Geschichte gierig als Generalabrechnung gelesen und blieb doch nicht mehr als eine kleine Geschichte. Dann kam das Kino mit seinen Komödien, dann "Das Leben der Anderen" und es schien, als sei von der Literatur nichts wirklich Großes über das System DDR zu erwarten. Vielleicht auch, weil die, die am meisten unter dem Regime gelitten hatten, beizeiten weggegangen waren und längst geschrieben hatten, was zu schreiben war. In diesem Frühjahr nun - fast 20 Jahre nach der Wende - sind mehrere neue Erinnerungsbücher erschienen. Sehr persönliche, meist biografische, und es scheint, als werde durch sie mehr Wahrheit, mehr Differenzierung und Stimmung geboten als in der ganzen Literatur der direkten Nachwendezeit. Auch, weil die neuen Bücher, etwa das der Malerin Cornelia Schleime, des Schauspielers Winfried Glatzeder und der Schriftstellerin Irina Liebmann, gerade nicht versuchen, ein allgemeines Bild mit Hilfe einer erfundenen Geschichte zu zeichnen, sondern ganz persönliche Erinnerungen erzählen.
Autorenportrait:
Grimmling war nach Abitur und Armeedienst zunächst als Transportarbeiter, Bühnenarbeiter und Bühnenbildassistent tätig. Ab 1969 studierte er an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, ein Jahr später wechselte er an die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Dort war er u. a. Schüler bei Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer. Nach dem Diplom 1974 war Grimmling drei Jahre lang Meisterschüler bei Gerhard Kettner an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Danach arbeitete er freischaffend als Maler in Leipzig.
Grimmling war im Künstlerkreis „Tangente“ Mitinitiator des legendären 1. Leipziger Herbstsalons, einer halblegalen Ausstellung im Messehaus am Leipziger Markt 1984, die von den DDR-Behörden als „konterrevolutionär“ eingestuft wurde. Die Konsequenz und Folge war, dass drei Maler des „Herbstsalons“ die DDR verließen.
Grimmling reiste 1986 nach West-Berlin aus, wo er seither lebt und arbeitet. Seit 2001 lehrt er als Dozent an der Berliner Technischen Kunsthochschule, seit 2006 als Professor.
Moderiert von Vera Lengsfeld
Eine Veranstaltung mit Unterstützung der Europäischen Kommission für Menschenrechte e.V.
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Donnerstag, 27.10.2011, 19 Uhr
B U C H L E S U N G
Frank Ewald
und Dr. Holger Schumacher
"Monopoly in Prenzlauer Berg"
Szenische Lesung mit Frank Ewald und Dr. Holger Schumacher
Berlin-Prenzlauer Berg im Jahre 1990. Student Max Steinert macht seinen Abschluß an der Humboldt Universität und beginnt anschließend auf dem Umweltamt zu arbeiten.
Mit Hilfe des Westbeamten Harry lernt er dort nicht nur die westdeutschen Verwaltungsvorschriften kennen, sondern gerät durch seine Wohnung in Prenzlauer Berg mitten hinein in den Privatisierungsprozeß des ostdeutschen Immobilienmarktes.
Von Harry ermuntert, nutzt er das Vorkaufsrecht der Mieter laut Altschuldenhilfegesetz der Bundesregierung und stellt sich damit all jenen in den Weg, für die die Neuaufteilung von Prenzlauer Berg bereits abgemachte Sache war, was zu einem Kampf um die Häuser führt, der die höchsten Kreise von Wirtschaft, Politik und Justiz beschäftigt. Über den Autor Frank Ewald, 1963 in Greifswald geboren, kam 1982 nach Berlin, studierte Gartenbau an der Humboldt Universität und ist heute Geschäftsführer einer Grundstücksgesellschaft in Prenzlauer Berg.
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Mittwoch, 25. Mai 2011, 19 Uhr
B U C H L E S U N G
Gabriel Berger
„Von Helden und Versagern“
Lesung und Gesprächsabend mit dem Autor Gabriel Berger
„Was ist schon ein Held? Das doch nur ein Mensch, der naiv oder besessen genug ist, nicht alle Folgen seines Handelns zu bedenken. Das macht ihn so mutig.“
So gelingt es dem jungen Polen Romek im Jahre 1975, den Todesstreifen zwischen der DDR und der Bundesrepublik zu überwinden. Mut und eine erhebliche Portion Naivität machen ihn in der realen Welt zu einem jener Helden, wie man sie sonst nur aus Wild-West-Filmen kennt. Einen Kontrast zu ihm bildet Karl, ein typischer DDR-Bürger, der, von unüberwindbarer Angst gepeinigt, zwischen der Sehnsucht nach Freiheit und der Geborgenheit in der kleinen, ihm wohl vertrauten Welt hin und her schwankt. Ein Leben am anderen Ende der Welt wählt der Held einer anderen Geschichte. Als Jude von den Nazis zur Flucht aus Deutschland gezwungen, reist er über die Schweiz nach Ceylon aus, wird dort buddhistischer Mönch und schließlich Hoher Priester.
Die Geschichten erzählen von Menschen, die den Härten und Herausforderungen dieser Welt mutig trotzen und von solchen, die an ihnen zerbrechen. Kein Mensch ist verpflichtet, ein Held zu werden und so äußert sich der Ich-Erzähler: „Ohne Frage war Romek ein Held und ein vom Schicksal Begnadeter. Ihm galt meine volle Bewunderung. Doch ich träumte von einer Welt, in der solche Heldentaten ganz unnötig wären.“
Autorenportrait:
Gabriel Berger wurde 1944 als Sohn eines aus Nazideutschland geflüchteten jüdischen Kommunisten im französischen Versteck geboren. Sein Vater ging 1948 freiwillig nach Polen, um dort den Sozialismus aufzubauen. Der polnische Antisemitismus zwang ihn jedoch 1957, seine Teilnahme am sozialistischen Experiment in die DDR zu verlegen.
Gabriel Berger besuchte in Leipzig die Oberschule und studierte in Dresden Physik. Danach war er in der Kernforschung tätig. Nach der erneuten antisemitischen Welle in Polen und dem gewaltsamen Ende des Prager Frühlings im Jahre 1968 verlor der junge Physiker den Glauben an eine Demokratisierung des realen Sozialismus. 1975 stellte er einen Antrag auf Übersiedlung in die Bundesrepublik. 1976 wurde er unter dem Vorwurf der „Staatsverleumdung“ verhaftet. Nach einjähriger Haft übersiedelte er nach Westberlin. Dort arbeitete er zunächst im kerntechnischen Bereich, später als Informatiker. In den achtziger Jahren studierte er Philosophie und veröffentlichte Beiträge in Zeitungen und im Rundfunk. Heute ist er schriftstellerisch tätig. Er veröffentlichte u.a. „Mir langt`s, ich gehe“ (1988), „Ich protestiere, also bin ich“ (2008) und „Von Helden und Versagern“ (2009).
Moderiert von Vera Lengsfeld
Eine Veranstaltung mit Unterstützung der Europäischen Kommission für Menschenrechte e.V.
Donnerstag, 19. Mai 2011, 19 Uhr
B U C H L E S U N G
Chaim Noll
„Meine Sprache wohnt woanders“ und „Feuer“
Lesung und Gesprächsabend mit dem Autor Chaim Noll
"Feuer", Chaim Nolls neuester Roman, beschreibt eine Gruppe verschiedener Menschen, die nach einer Katastrophe zusammenfinden. Sie werden durch das Unglück nicht zusammengeschweißt – Missgunst, Hinterhältigkeiten, Drohungen herrschen vor. Dennoch müssen sie sich gemeinsam auf den Weg machen, um aus dem Katastrophengebiet herauszukommen, Rettung scheint nicht in Sicht, die Medien schweigen. Ungemein spannend schildert Chaim Noll den Weg dieser Gruppe durch eine Gefahrenzone, zugleich bietet ihm das Thema die Möglichkeit, unsere heutige Medienwelt und das Miteinander der Menschen zu hinterfragen. "Feuer" ist ein ebenso kluger wie mitreißender Roman, den die Leserinnen und Leser so schnell nicht wieder aus der Hand legen werden.
Das Buch „Meine Sprache wohnt woanders – Gedanken zu Deutschland und Israel“ schrieb Chaim Noll zusammen mit Lea Fleischmann. Beide wanderten in das Land aus, in dem Milch und Honig fließen. Doch in Israel fanden sie nicht nur eine spirituelle Heimat. Beide erlebten ihr Land jeden Tag in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und beziehen leidenschaftlich dazu Stellung. Trotzdem sind sie ihrer alten Heimat verbunden, dem Land, in dem ihre Sprache wohnt. Sie sehen Deutschland und Israel mit kritischer Anteilnahme und schonungsloser Offenheit. Ein einzigartiges Zeitdokument und gleichzeitig Literatur von hohem Rang.
Autorenportrait:
Chaim Noll wurde 1954 in Ost-Berlin geboren und wuchs als Sohn des Schriftstellers Dieter Noll in der Nomenklatura der DDR auf. Er studierte Kunst und Kunstgeschichte in Ost-Berlin, bevor er Anfang der 1980er Jahre den Wehrdienst verweigerte. 1983 siedelte er nach West-Berlin über und arbeitete dort als Journalist. Von 1992 bis 1995 lebte er in Rom und ging 1995 nach Israel. 1998 erhielt er die israelische Staatsbürgerschaft. Er veröffentlichte u.a.: „Der Abschied“ (1985), „Unheimliche Tage“ (1987), „Berliner Scharade“ (1987), „Der goldene Löffel“ (1989), „Nachtgedanken über Deutschland“ (1992), „Taube und Stern. Roma Hebraica - Eine Spurensuche „(1994), „Die Wüste lächelt“ (2001), „Meine Sprache wohnt woanders. Gedanken zu Deutschland und Israel“ (mit Lea Fleischmann, 2006).
Eine Kooperationsveranstaltung mit der Europäischen Kommission für Menschenrechte e.V.
Mittwoch, 27. April 2011, 19 Uhr
B U C H L E S U N G
Uwe Kolbe
„Vinetas Archive – Annäherungen an Gründe"
Lesung mit dem Autor Uwe Kolbe

Ob Uwe Kolbe mit Hölderlin von Bad Homburg nach Frankfurt wandert, ob er Vater und Sohn ein Bratkartoffelgericht zubereiten lässt, in Rheinsberg oder Arkadien unterwegs ist - immer spürt er mit großer Intensität dem geschichtlichen Prozess und der eigenen Identität nach. Beobachtung und Abstraktion, Erzählung und Essay, Nachdenkliches, Poetisches und Polemisches finden zusammen. Was ist der Stoff des Lebens? Wo haben die Erfahrungen, Kontinuitäten und Brüche ihren Grund? Wo verstellen (Selbst-)Täuschungen die klare Sicht auf die Wirklichkeit?
Dem Autor sind die Utopien fragwürdig geworden, die einmal auch die eigenen waren. Lange vor '89 verließ er den sich sozialistisch nennenden deutschen Staat; den Mauerfall erlebte er in Texas am Fernseher. Enttäuschungen positiv zu begreifen, ihnen Produktivität abzugewinnen, das ist seit langem sein Credo. Dass Schriftsteller wie Fühmann, Hilbig, Christa Wolf und Robert Walser, bildende Künstler wie Hans Scheib und Annette Schröter für ihn immer wieder Identifikations- und Anstoß- oder Abstoßpunkte sind, verwundert wenig. Im Nachdenken über sie thematisiert Kolbe auch das Eigene, stellt sich den großen Fragen, nach Glück, Scheitern, Tod und deren Widerschein im Poetischen.
Autorenportrait:
Uwe Kolbe wurde 1957 in Berlin geboren. Seine ersten Gedichte wurden 1976 in der Literatur- und Kulturzeitschrift für Prosa, Gedichte und Gespräche "Sinn und Form" veröffentlicht. Sein erster Gedichtband "Hineingeboren" erschien 1980 im Aufbau-Verlag. Während dieser Zeit absolvierte er ein Sonderstudium am Literatur-Institut "Johannes R. Becher". Nach Auseinandersetzungen mit der Kulturpolitik der DDR hatte Kolbe in den 80er Jahren ein faktisches Publikationsverbot und arbeitete für verschiedene Untergrundzeitschriften. Von 1984 bis 1987 gab er zusammen mit Bernd Wagner und Lothar Trolle die nichtoffizielle Literaturzeitschrift "Mikado" heraus. 1987 reiste er in die Bundesrepublik aus. 1989 war Kolbe Gastdozent an der Universität von Texas in Austin. 1992 war er Stipendiat der Villa Massimo und lebte in Rom. Uwe Kolbe erhielt zahlreiche Literaturpreise, zuletzt im Jahr 1993 den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Tübingen und den Preis der Literaturhäuser 2006. Von 1997 bis 2004 war er Leiter des Studios Literatur und Theater der Universität Tübingen. Seit 2004 lebt er wieder als freier Schriftsteller in Berlin-Charlottenburg.
Mittwoch, 13. April 2011, 19 Uhr
B U C H L E S U N G
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Jürgen K. Hultenreich
„Die Schillergruft"
Lesung mit dem Autor Jürgen K. Hultenreich
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Mitte der 60er Jahre in der DDR. Der junge Georg Hull, der sich vor Gericht - der versuchten Republikflucht angeklagt - mit Schillerzitaten verteidigt und zudem behauptet, er läse nur Schiller, kann für die Richter und Schöffen in der DDR einfach nicht normal sein. Man weist ihn zur Beobachtung in die Psychiatrie ein. Dort bekommt er es mit vermeintlichen Kampffliegern, Propheten, falschen Schillerfreunden oder tatsächlichen Spitzeln zu tun.
Jürgen K. Hultenreichs Roman „Die Schillergruft“ schildert die DDR von einer Seite, über die man auch heute noch wenig weiß. Welche Gestalten, die dem Helden Georg Hull da in Gestalt von Vernehmern, Ärzten, Kranken und zwangsbeobachteten Gesunden begegnen! Welche Dialoge, die der schillerbesessene Leser Hull mit seinen Vernehmern, Richtern und Ärzten führt! Zwangsläufi g drängt sich die Frage auf, wer da noch normal ist und wer gestört. „Nicht ich bin krank, das Land ist es“, lässt er seinen Hull sagen.
Hultenreich zeichnet seine Figuren mit einer Eindringlichkeit, die den Leser nolens volens zu einer gespensterhaft anmutenden Geisterfahrt mit hinab in die „Gruft“ nimmt, wo der Alltag der Insassen von Elektroschocks und Medikamenteneinnahme bestimmt ist und jedes „Draußen“ immer auch ein „Drinnen“ mit einschließt. Sein Roman wird so zu einer eindrucksvollen Parabel auf eine kranke Gesellschaft, wie man es selten in der Literatur findet. Schiller hilft dem Protagonisten des Romans, den Irrwitz von Gefängnis und Psychiatrie zu überleben.
Trotz des ernsten Rahmens ist es Literatur des Grotesken, des Absurden – ausbalanciert durch schriftstellerisches Talent.
Autorenportrait:
Jürgen K. Hultenreich wurde 1948 in Erfurt geboren und wuchs dort auf. Er arbeitete als Musiker, Schaufensterdekorateur, Bibliothekar und Lyrikrezensent, bevor er 1985 aus der DDR ausgewiesen wurde. Seitdem lebt er als freier Schriftsteller in West-Berlin. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht, zusätzlich ist er noch für den Rundfunk und das Fernsehen tätig. 1990 wurde Jürgen K. Hultenreich mit dem Marburger Literaturpreis ausgezeichnet. Zu seinen Werken zählen u.a. „Westausgang“, „Einschlüsse“, „Mein Erfurt“ und „mittenmang – Eindrücke aus den Berliner Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg“.
Donnerstag, 24. März 2011, 19 Uhr
B U C H L E S U N G
Thomas Raufeisen
„Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei"
Lesung mit dem Autor Thomas Raufeisen
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Eigentlich beginnt alles ganz harmlos: eine Familie aus Hannover fährt im Januar 1979 in die DDR. Angeblich, um die erkrankten Großeltern an der Ostsee zu besuchen. Sie passiert die deutsch-deutsche Grenze. Weil es schon spät am Abend ist, beschließt der Vater, in einem Haus in der Nähe von Ostberlin zu übernachten. Und am nächsten Morgen bricht für Thomas Raufeisen, den ahnungslosen Teenager, eine Welt zusammen:
"An dem Morgen hat mir mein Vater dann erklärt, dass wir ab jetzt in der DDR leben müssten. Das war so unglaublich, so unglaubwürdig auch im ersten Moment, dass ich dachte, ich wäre gar nicht hier. Er hat mir auch erklärt, warum. Er war ein ehemaliger DDR-Spion, er nannte das allerdings Kundschafter des Friedens. Das war so unfassbar, ich dachte, ich bin einem bösen Traum und müsste erst mal erwachen."
Der Vater, Armin Raufeisen, spioniert für die DDR-Staatssicherheit. Die Familie weiß davon nichts. Als im Westen ein Stasi-Überläufer auspackt und die ersten Ostagenten enttarnt werden, fürchtet Armin Raufeisen ebenfalls aufzufliegen. Er flieht in den Osten, mitsamt seiner Frau und den beiden Söhnen, die nicht gefragt wurden. Ein Leben als Groteske beginnt: Der Audi bekommt ein Ostberliner Kennzeichen, die Raufeisens aus Hannover werden zu DDR-Bürgern, werden eingepasst in den sozialistischen Alltag. Der Vater bekommt eine Arbeit, Thomas geht zur Schule, macht später eine Ausbildung. Im grauen Überwachungsstaat DDR fühlt er sich ständig kontrolliert.
Bald merkt der Vater, dass seine Familie hier nicht glücklich wird. Auch er will wieder in den Westen, selbst wenn er dort ins Gefängnis muss. Die Familie stellt Ausreiseanträge - ohne Aussicht auf Erfolg. Der Vater erkundet Fluchtmöglichkeiten. Alles vergebens. Im September 1981 wird die Familie verhaftet. Die Stasi hatte alles überwacht. Thomas Raufeisen kommt nach Berlin-Hohenschönhausen, ins Stasi-Gefängnis.
Ein tragisches Familienschicksal der deutschen Nachkriegsgeschichte.
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Autorenportrait:
Thomas Raufeisen wurde 1962 in Hannover geboren. Seine Eltern, Armin und Charlotte Raufeisen, kamen 5 Jahre zuvor als DDR-Flüchtlinge in die Bundesrepublik. Thomas Vater macht beim Energieunternehmen Preussag in Hannover Karriere. Niemand ahnt, dass er seit 1956 als Spion des Ministeriums für Staatssicherheit tätig ist. Thomas Raufeisen wächst wie sein älterer Bruder Michael in Hannover auf und besucht das Gymnasium im Seelze. Nach dem Überlaufen eines MfS-Offiziers in die Bundesrepublik 1979 gerät die Tarnung Raufeisens in Gefahr. Unter dem Vorwand eines dringenden Verwandtenbesuches reist der Vater mit der Familie in die DDR. Dort erst offenbart er den Kindern seine langjährige Spionagetätigkeit und den Verbleib der Familie in der DDR.
Thomas Raufeisen fängt eine Ausbildung beim VEB AutoTrans Berlin/Ost zum Kfz-Mechaniker an. Der Eingliederung in die DDR verweigert er sich ebenso wie sein Bruder. Mit der Zeit verändert sich auch die politische Einstellung seines Vater. Als offizielle Ausreiseanträge abgelehnt werden, versucht die Familie zu fliehen. Doch die Vorbereitungen fliegen auf, die Familie wird verhaftet. Thomas verbüßt drei Jahre Haft in Berlin-Hohenschönhausen und der Sonderhaftanstalt Bautzen II. Nach seiner Entlassung kann er 1985 endlich in den Westen ausreisen. Er holt das Abitur nach und studiert Vermessungstechnik. Sein Vater kommt in der Haft ums Leben, seine Mutter wird erst 1989 entlassen. Thomas Raufeisen ist heute Referent für politische Bildung und lebt in Hannover und Berlin. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Mittwoch, 16. März 2011, 19 Uhr
B U C H P R E M I E R E
Boris Kalnoky
Ahnenland - oder die Suche nach der Seele meiner Familie
Lesung mit dem Autor Boris Kalnoky
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„1933 brach mein Großvater Hugo Graf Kálnoky aus Siebenbürgen auf, den Planeten zu umfliegen. Stattdessen fand er im Nachbardorf eine Frau und führte sie ins kleine Schloss Köröspatak zurück. Die große weite Welt sollte er auf tragische Weise später dennoch kennen lernen. (...) Über das Schicksal meiner Großeltern möchte ich eine Geschichte erzählen: Der Weg einer siebenbürgischen Grafenfamilie durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs bis nach Deutschland, wo Gräfin Ingeborg Kálnoky 1945 von den Amerikanern mit der Führung des Zeugenhauses der Nürnberger Prozesse beauftragt wird.“
Boris Kálnoky kannte den Sitz seiner 750 Jahre alten Familie nur aus Erzählungen. Er, der in München geboren wurde, aufwuchs in Deutschland, den USA, den Niederlanden und Frankreich, und dann nach Ungarn ging und heute in der Türkei lebt, interessierte sich nie sonderlich für das Schloss seiner Vorfahren im rumänischen Nirgendwo. Bis er 1988 zum ersten Mal nach Miklosvar fuhr. Dort prallte er mit voller Wucht mit dem Irrwitz eines kleinen Dorfes in den Karpaten und der aberwitzigen Lebensgeschichte seiner Familie zusammen. Und wurde mit der Frage konfrontiert, was Heimat eigentlich ausmacht.
Boris Kálnoky beginnt, die Familiengeschichte aufzuschreiben, die 1282 mit Akadas begann. Ahnenland erzählt von den Türkenkriegen, unmöglichen Romanzen, Glassärgen, Freimaurern, Mumien und Balladen, vom Wiener Hof, Weltkriegen, Nürnberger Prozessen und Kommunismus. Die Geschichte wird – aus dem Blickwinkel der verschiedenen Kálnoky-Generationen – lebendig.
Ahnenland ist eine Geschichte der tausend Geschichten, in der nicht nur historische Großtaten im Zentrum stehen, sondern Menschen und Augenblicke. Alles hängt miteinander zusammen, vom Kampf gegen die Tataren 1241, der mit einer königlichen Schenkung belohnt wird, bis zur Rückkehr der jüngsten Generation an denselben Ort im 21. Jahrhundert. Boris Kàlnokys Bruder Tibor ist nach Miklosvar zurückgekehrt. Er hat sich ein Häuschen neben dem verfallenen Familienanwesen gekauft und wann immer es geht, restauriert er ein Eckchen des Schlosses.
Ahnenland ist nicht nur ein Familienepos und Zeugnis einer verschlungenen Heimatsuche, sondern das literarisch kraftvolle Panorama mitteleuropäischer Geschichte.
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Autorenportrait
Boris Kálnoky, 1961 in München geboren, ist ungarischer und amerikanischer Staatsbürger, väterlicherseits siebenbürgisch. Er studierte Politik und Geschichte in Hamburg. Danach arbeitete er als Nachrichtenredakteur für Die Welt. Von 1994 bis 2004 war er Südosteuropa-Korrespondent in Budapest. Seit 2004 berichtet er als Nahost-Korrespondent aus Istanbul.
Donnerstag, 10. März 2011, 19 Uhr
B U C H L E S U N G
Salomea Genin
„Ich folgte den falschen Göttern“ - Eine australische Jüdin in der DDR
Lesung mit der Autorin Salomea Genin und musikalischer Umrahmung durch Karsten Troyke

Salomea Genin wird 1932 in Deutschland als Kind einer jüdischen Familie geboren. 1939 flüchtet sie mit ihrer Familie vor den Nationalsozialisten nach Australien. Doch war es lange Zeit nicht der Glaube, der ihr Leben prägte, sondern ihre politische Überzeugung.
Schon als Jugendliche trat Salomea Genin in die Kommunistische Partei Australiens ein. Und schließlich wanderte sie nach mehreren Einreiseanträgen und jahrelanger Tätigkeit als Informantin für die Staatssicherheit 1963 in die DDR ein, das Land, von dem sie hoffte, dass es ein besseres, antifaschistisches Deutschland werden würde.
Fast 20 Jahre arbeitete sie gewissenhaft für den Staat, bis sie 1982 aufhörte, an die Machbarkeit der sozialistischen Idee zu glauben. Sie hatte erkannt, dass der von ihr so verehrte Sozialismus in der DDR das Individuum missachtete und dass sie - anstatt dabei zu helfen, die Welt zu verbessern – für einen Polizeistaat gearbeitet hatte. Sie wandte sich öffentlich gegen das Regime, schrieb Texte über den verdrängten Antisemitismus in der DDR und schickte kritische Briefe an Honecker. Und sie besann sich auf ihre jüdische Herkunft.Als sie 1989 die Kraft fand, aus der SED auszutreten, wurde ihre Austrittserklärung von mehreren westdeutschen Medien gedruckt, darunter die Frankfurter Rundschau und der Evangelische Pressedienst.
Ich folgte den falschen Göttern ist die beeindruckende Lebenserinnerung einer Frau, die ihr Leben lang Sehnsucht nach einer gerechteren Welt hatte.
Autorenportrait:
Salomea Genin wurde 1932 in Berlin geboren. Im Alter von sechs Jahren emigrierte sie mit Mutter und Schwester nach Australien, wuchs dort auf und trat in die kommunistische Partei ein. Sie kehrte nach West-Berlin zurück, wo sie 1961 vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) angeworben wurde. 1963 siedelte sie in die DDR über, wo sie lange bei Radio Berlin International arbeitete. Bis 1982 war sie informelle Mitarbeiterin des MfS. 1971 wurde sie Mitglied der Jüdischen Gemeinde Ost-Berlins. 1982 brach sie mit dem MfS und trat 1989 aus der SED aus. Salomea Genin lebt heute in Berlin.
Donnerstag, 24. Februar 2010, 19 Uhr
B U C H L E S U N G
Giwi Margwelaschwili
„Kapitän Wakusch“
Giwi Margwelaschwili liest aus „Kapitän Wakusch 1 – In Deuxiland“ und aus "Kapitän Wakusch 2 – Sachsenhäuschen".

Im ersten Band "In Deuxiland" beschreibt er seine Jugend als Ausländer im Dritten Reich. Doch ist er nicht nur ein Exilantenkind in Deutschland – als Jazzliebhaber, der sich in der Jazzbar "Kakadu" der verbotenen Musik hingibt, ist er zugleich ein jugendlicher Rebell. Mit dem Kriegsende endet der erste Band, der zweite Band "Sachsenhäuschen" nimmt den Faden wieder auf – nun ist Wakusch, das alter Ego Margwelaschwilis, plötzlich ein Gefangener der Sowjets. Er wird nach einer Odyssee durch verschiedene Kerker in das berüchtigte Speziallager Nr. 7 verbracht, das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen. Dort erlebt er Elend und Demütigung, aber auch Lichtblicke, etwa eine Theateraufführung mit dem Mitgefangenen Heinrich George...
Margwelaschwili schildert die Welt- und seine Lebensgeschichte scheinbar leichthin, in origineller Sprache, ohne aber je die Möglichkeit der Selbstverständigung und der Selbstbefreiung aufzugeben – ein Zeitdokument und zugleich große Literatur!
Autorenportrait:
GIWI MARGWELASCHWILI wurde 1927 als Sohn georgischer Emigranten in Berlin geboren. 1946 wurde er zusammen mit seinem Vater vom sowjetischen Geheimdienst NKWD entführt. Der Vater wurde ermordet, Giwi Margwelaschwili in Sachsenhausen interniert, anschließend nach Georgien verschleppt. Dort lehrte er Deutsch. Erst 1987 konnte er nach Deutschland ausreisen. Ihn begleitete eine Unzahl von in der Emigration auf Deutsch geschriebenen Romanen und Erzählungen. 1994 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft und ein Ehrenstipendium des Bundespräsidenten, 1995 den Brandenburgischen Literatur- Ehrenpreis für sein Gesamtwerk, 2006 die Goethe-Medaille, 2008 das Bundesverdienstkreuz. Er ist Mitglied des P.E.N. und lebt in Berlin. Zu seinen Werke zählen u.a.: „Muzal – ein georgischer Roman“, „Das böse Kapitel“, „Der ungeworfene Handschuh“.
Mittwoch, 26. Januar 2011, 19.00 Uhr
Wege nach Berlin - Jürgen Fuchs
Gesprächsabend mit den Schriftstellern Utz Rachowski, Lutz Rathenow, der Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld und Doris Liebermann
Am 19. Dezember 2010 wäre der Schriftsteller und Bürgerrechtler Jürgen Fuchs (1950 – 1999) 60 Jahre alt geworden. Die Buchhandlung89 möchte zur Würdigung seines Lebens, Wirkens und Werkes zu einer Podiumsveranstaltung einladen. Die Schriftsteller Utz Rachowski und Lutz Rathenow sprechen über ihre persönlichen Erlebnisse mit Jürgen Fuchs und werden unbekannte Einblicke in das Wirken des kompromisslosen Aufklärers Jürgen Fuchs geben.
Der Systemkritiker Jürgen Fuchs ist aus dem Literaturgeschehen der DDR nicht wegzudenken. Als Schriftsteller, Essayist und Lyriker hat er sich stets auch durch seine kritische Haltung gegenüber einem Regime ausgezeichnet, das dem Individuum das Recht auf Selbstbestimmung absprach. Auf seinem Grabstein auf dem Heidefriedhof Mariendorf stehen drei Worte, die das Leben von Jürgen Fuchs, diese authentische Stimme des Widerstands gegen Diktatur und Willkür, trefflich beschreiben: „Ich schweige nicht!“ steht da. Der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Walter Momper, sagt über Jürgen Fuchs „Bis zu seinem frühen Tod hat Jürgen Fuchs für die Aufklärung über das Unrecht, das in der DDR geschah, gekämpft“.
Nach einem gemeinsamen Auftritt mit Bettina Wegner und Gerulf Pannach, dem Texter der Band Renft, wurde er aus der SED ausgeschlossen. Kurz vor dem Abschluss - die Diplomarbeit war schon mit „sehr gut“ bewertet worden - wurde Jürgen Fuchs wegen seiner Gedichte und Prosawerke vom Disziplinarausschuss der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum „Ausschluss von allen Universitäten, Hoch- und Fachschulen der DDR“ verurteilt und politisch zwangsexmatrikuliert. Eine Arbeit als Psychologe war damit nicht mehr möglich. Nach seiner politischen Exmatrikulation am 17. Juni 1975 zog die Familie in das Gartenhaus von Katja und Robert Havemann nach Grünheide bei Berlin. Er arbeitete in einer kirchlichen Sozialeinrichtung.
Nach Protesten gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann wurde Jürgen Fuchs am 19. November 1976 verhaftet, zwei Tage vor Gerulf Pannach und Christian Kunert, deren Band Renft im Herbst 1975 verboten worden war. Nach neun Monaten Haft im Gefängnis des MfS in Berlin-Hohenschönhausen und internationalen Protesten wurden Pannach, Fuchs und Kunert unter Androhung langer Haftstrafen zur Ausreise gezwungen und nach West-Berlin entlassen. Hier arbeitete Jürgen Fuchs als freischaffender Schriftsteller und seit 1980 auch als Sozialpsychologe im Projekt Treffpunkt Waldstraße, einer Kontakt- und Beratungsstelle für Problemjugendliche.
Er engagierte sich in der Friedensbewegung und hielt Verbindung zur unabhängigen Friedens- und Bürgerbewegung in der DDR, zur tschechischen Charta 77 und zur polnischen Solidarność und thematisierte Tabus des realen Sozialismus wie die Staatssicherheit und den Freikauf von Gefangenen. Das MfS leitete 1982 ein Ermittlungsverfahren gegen Jürgen Fuchs ein und setzte ihn und seine Umgebung zahlreichen „Zersetzungsmaßnahmen“ aus. Dazu zählten eine Bomben-Explosion vor seinem Haus 1986 und die Sabotage der Bremsschläuche seines Autos. Planungen der Hauptabteilung VIII des MfS für Observation und Transitverkehr von 1988 sahen selbst die Installation einer radioaktiven Quelle in Fuchs' Wohnhaus vor.
Seit dem Fall der Mauer bemühte sich Jürgen Fuchs besonders um die Aufklärung der Verbrechen des MfS. Er arbeitete zeitweilig im Bereich Bildung und Forschung des Beauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU), dessen Beirat er 1997 aus Protest gegen die Beschäftigung ehemaliger Stasi-Mitarbeiter verließ. Aufsehen und Kritik erregte Jürgen Fuchs, als er im Dezember 1991 das, was die Staatssicherheit mit politischer Haft und „Zersetzungsmaßnahmen" gegen wenigstens sechs Millionen Menschen in der DDR bewirkt hatte, mit dem Begriff „Auschwitz in den Seelen“ bezeichnete.
1999 stirbt er mit nur 48 Jahren an Leukämie.
Eine Veranstaltung mit Unterstützung der Europäischen Kommission für Menschenrechte e.V.
Donnerstag, 09. Dezember 2010, 19:00 Uhr
H E F T P R Ä S E N T A T I O N
HORCH & GUCK
"Ständig gefechtsbereit - Die Armee eines militarisierten Staates"
Die Zeit bei der Nationalen Volksarmee (NVA) erlebten viele als tiefen Eingriff in ihr Leben. Manche litten nachhaltig unter den erlittenen Demütigungen. Doch über die wird selten gesprochen. Erzählt werden meist nur die Anekdoten aus der Dienstzeit. Durch ein vollkommen überzogenes System der Einsatzbereitschaft waren Wehrpflichtige Wochen- und monatelang ohne Ausgang und Urlaub in heimatfernen Kasernen eingesperrt. Viele Partnerschaften haben diese lange Zeit sinnloser Trennung nicht überstanden; manchen Soldaten trieb die Situation in den Suizid.
Junge Männer sollten in der Armee Unterwerfung lernen und wurden zugleich zu Akteuren der Unterwerfung der Bevölkerung. Die Grenztruppen waren dabei in besonderer Weise gegen das eigene Volk gerichtet. Doch auch die gesamte NVA sollte wenn nötig der Repression nach innen dienen. Und – daran ließ die SED-Propaganda keinen Zweifel – auch für die eventuelle Niederschlagung von Unruhen in den „Bruderstaaten“ stand sie bereit.
Während ehemalige Offi ziere die NVA gern als „Armee des Friedens“ verklären, griffen Feindbilderziehung und Militarisierung immer stärker in fast alle Bereiche des „zivilen“ Lebens ein. Wie sah die Lebensrealität der Wehrpfl ichtigen in der NVA konkret aus? Wie erlebten sie Drill, Gehorsam und Befehlsnotstand einerseits und das geduldete bzw. geförderte Drangsalieren der Soldaten untereinander andererseits? Gab es wirksame Gegenstrategien oder gar Aufbegehren und Widerstand in Uniform?
Über diese Fragen diskutieren:
Peter Grimm, Redakteur von „HORCH UND GUCK“
Dr. Peter Joachim Lapp,
Politologe und Publizist. Kaufmännische Lehre in Rudolstadt, l960-64 politische Haft in Gera und Waldheim, 1964 freigekauft, l977-97 Redakteur im Deutschlandfunk Köln, veröffentlichte Bücher zu Militärgeschichte und Grenzregime der DDR, zuletzt: Schüler in Uniform. Die Kadetten der Nationalen Volksarmee und Die zweite Chance. Wehrmachtsoffiziere im Dienste Ulbrichts.
Filmvorführung:
„Was jeder muss“
Dokumentarfilm von Andreas Dresen (DDR 1987, HFF „Konrad Wolf“, 19 Min)
Susanne und Dieter sind 20. Sie haben gerade ein Baby bekommen. Das Familienleben könnte beginnen, aber Dieter muss zur NVA. Der Film begleitet ihn die ersten sechs Wochen, zeigt Zweifel, Einsichten und Zustände, die kaum zu akzeptieren sind.
Samstag, 20. November 2010, ab 21 Uhr
B U C H L E S U N G
Lutz Rathenow
"Klick zum Glück"
Lutz Rathenow stellt seinen dritten Prosaband „Klick zum Glück“ im Rahmen des 5. Friedrichshainer Lesemarathons erstmals in Berlin vor.

Der in Jena geborene Lutz Rathenow hat verstreut erschienene und unveröffentlichte Texte zu einem Band kompiliert. Erzählungen und Traumnotate, Kolumnen und Parabeln bilden gleichsam einen kaleidoskopartigen Überblick zu seinem Schaffen der letzten Jahre, wobei die Spanne der Themen von Berlin über das Internet bis zur Gute-Nacht-Geschichte reicht.
Ich schreibe zu viel Kurzes. Ich schreibe zu wenig Langes. Faulheit verwechselt sich im Fleiß und umgekehrt. Ich kann es nicht deuten. Oder schreibe ich so gern so kurz, weil ich oft angerufen oder auf andere Weise unterbrochen werde? Lasse ich mich anrufen und vielfältig ablenken, damit sich die Texte nicht zu sehr ausdehnen müssen? Die Suche nach Ausreden als eigentliche Motivation? Wer hat eine bessere? Früher verfügte ich über eine gute: Ich bin Kurzschreiber, weil siebenhundertsiebenundsiebzigseitige Romane auch schon im Manuskriptstadium schwerer zu verstecken sind.
Autorenportrait:
Lutz Rathenow wurde 1952 in Jena geboren. Nach dem Wehrdienst in der NVA begann Rathenow an der Universität Jena ein Studium als Lehrer für Deutsch und Geschichte. Dort gründete und leitete er den oppositionellen Arbeitskreis Literatur und Lyrik Jena. Dieser wurde 1975 von den Kulturfunktionären und im Hintergrund vom Ministerium für Staatssicherheit („OV Pegasus“) verboten. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 wurde er verhaftet und Anfang 1977, drei Monate vor dem Examen, wegen „Zweifeln an Grundpositionen, Objektivismus und Intellektualisieren der Probleme“ exmatrikuliert. Ende 1977 folgte er seiner Frau nach (Ost-)Berlin, wo er beim Theater arbeitete und als freier Schriftsteller lebte. Nach der Veröffentlichung seines ersten Prosabandes „Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet“ in der BRD wurde er erneut verhaftet, durch Einsatz Günter Grass’ wurde er nach zehn Tagen entlassen. Eine Ausreise aus der DDR lehnte er ab. Er war aktiv in der unabhängigen Friedens- und Bürgerrechtsbewegung, u.a. mit Bärbel Bohley und Gerd Poppe in der „Initiative Frieden und Menschenrechte“. Er hielt engen, oft konspirativen Kontakt zu Jürgen Fuchs im Westteil der Stadt. Dies machte es dem MfS schwer, ihn erneut zu verhaften. Nach der friedlichen Revolution in der DDR wurde ihm im Januar 1992 zusammen mit der formellen Rehabilitierung von der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität nachträglich das Abschlussdiplom verliehen. Lutz Rathenow lebt heute als freier Autor und Schriftsteller in Berlin.
ab 22 Uhr
Sven Bremer
Die Texte von Sven Bremer behandeln viele zwischenmenschliche Themen wie Freundschaft und Beziehungen, aber sie beschreiben auch Tendenzen in der Gesellschaft, wie zum Beispiel Geltungssucht, Religion oder das Schicksal. Im Stil sind die Kurzgeschichten und Romane von Bremer oft sehr surreal, psychodelisch, aber auch expressionistisch gehalten. Die Zeichnungen von Sven Bremer umfassen Zyklen zu bestimmten Themen. Sie sind eine Collage aus vielen symbolhaften Bedeutungen, die das darstellen sollen, was oft schwierig bildhaft zu fassen ist. Gefühle, Empfindungen, Träume, Ängste, Wünsche oder Erfahrungen sind darunter.
Autorenportrait:
Sven Bremer wuchs in Biesenthal (Brandenburg) auf. Er absolvierte ein Studium als Grafik-Designer in Anklam und erwarb danach in einer Weiterbildung den Beruf des Multimediadesigners. Er arbeitete zeitweise in bekannten Werbeagenturen. Noch zu seiner Studienzeit gründete er mit anderen zusammen die Künstlergruppe „Zerrpeleptic“. Von 2003 bis 2010 unterrichtete er in unregelmäßigen Abständen ein Seminar im Fachbereich Politikwissenschaften der Freien Universität Berlin. Im Jahre 2003 erschien sein erster Roman „Lächeln“. Weitere Romane folgten in den Jahren 2007 mit „Ich, Du, Er“ und im Jahre 2009 mit „Strandgut“. 2010 gründete er den „Sven Bremer Verlag“, der unbekannte Autoren verlegt, aber auch bekannte Autoren wie Johannes Jansen. Bremer lebt heute als freier Schriftsteller in Berlin.
Freitag, 12. November 2010, 19:00 Uhr
B U C H L E S U N G
Stefan Wolter
„Hinterm Horizont allein - Der `Prinz` von Prora“
Erfahrungen eines NVA-Bausoldaten
Lesung und Gesprächsabend mit dem Autor Stefan Wolter
Das kann doch nicht sein, wir leben doch in einem Rechtsstaat!, empört sich eine Dame in einer Diskussionsrunde darüber, was dieses Buch feinfühlig schildert: den Kampf gegen eine Erinnerungskultur in Ostdeutschland, die ausblendet, verdrängt, tilgt. Sie ist der unsichtbare Stacheldraht, nachdem der sichtbare verschwunden ist. Die Rede ist von Prora, jenem Ort an Rügens Küste, den vierzig Jahre DDR-Militärgeschichte geprägt haben, der aber nach der Wende als „ehemaliges Kraft-durch-Freude-Bad“ ausgegeben worden ist. Zehntausende Biografien sind durch Prora beeinflusst, zum Teil zerstört worden. Doch Proras reale Geschichte wird weithin verschwiegen und alle machen mit: die Politik, die überregionalen Medien, die bildungsbeauftragten Behörden, die sich vor allem Block V annehmen müssten, in dem die Waffenverweigerer der DDR schikaniert wurden. Die Bausoldaten, Wegbereiter der friedlichen Revolution, werden ignoriert. Erschütternd erzählt Stefan Wolter, bekannt als der „Prinz von Prora“, seinen Kampf um Erinnerung und Bildung am Standort der größten Baueinheit in der Geschichte der DDR. Zugleich macht er die Sicht anderer Soldaten auf Prora transparent. Und nebenher führt er ins biografische „Verlorene Paradies“.
Mit dem Verein Denk-MAL-Prora e.V. hoffte Wolter dort, wo zurzeit Rügens größte Jugendherberge entsteht, dauerhaft an einen wichtigen Teil der DDR-Opposition erinnern zu können. Für Politik und Medien aber ist Prora inzwischen fast ausschließlich das große frühere Kraft-durch-Freude Bad.
Stefan Wolter stellt die Bände 1 und 3 seiner sehr bewegenden und in großer Offenheit verfassten Aufarbeitung von Prora vor und lädt anschließend zur Diskussion ein.
Autorenportrait:
Stefan Wolter wurde 1967 in Eisenach geboren. Nach Ablegung seines Abiturs 1986 war er bis 1988 Bausoldat in Prora. Anschließend studierte er Theologie und Geschichte in Jena und Göttingen. 1998 folgte seine Promotion. Seitdem ist er freiberuflicher Autor zu Kultur- und Medizingeschichte und lebt in Berlin.
Donnerstag, 21. Oktober 2010, 19 Uhr
Paul F. Duwe
„Petermännken“
Lesung und Gesprächsabend mit dem Autor Paul F. Duwe
1968 war ein prägendes Jahr in der Geschichte. Während in den folgenden Jahren die „68-er“ den Marsch durch die Institutionen in Westdeutschland antraten, beendeten die Panzer des Warschauer Pakts den Traum eines demokratischen Sozialismus mit menschlichem Antlitz in der CSSR, den „Prager Frühling“. In diesen entscheidenden Jahr spielt die Handlung des Romans Petermännken in einer mecklenburgischen Stadt.
„Hey Jude“ gab den Ausschlag. Und wenn er es nie wieder tun würde, jetzt musste es sein. Udo kramte sich ein Blatt Papier aus seinen Schulsachen, nahm sich einen Stift, schrieb nur drei Sätze darauf die via Radio Luxemburg gesendet wurden: „Weil sie sich für einen freien Rundfunkempfang ausgesprochen hat, soll bei uns ein Mädchen (nennen wir sie Erna) von der Schule fliegen. Ich finde ihren Mut bewundernswert. Absender: Petermännken.“ Ein Gnom bringt eine Stadt in Wallung. Im
Mittelpunkt steht eine Gruppe jugendlicher Oberschüler mit ihren ganz alltäglichen Wünschen, Sorgen und Sehnsüchten. Gerade hierin liegt die Stärke des Romans, spiegelt er abseits der großen Politik das Leben in der Provinz der DDR wider.
Anschaulich wird erzählt, wie die Partei bis in das Privatleben jedes Einzelnen eindrang. „Das Private ist politisch“ dieser Slogan der westdeutschen Studentenbewegung wird für die Jugendlichen in der DDR auf erschreckende Weise wahr. Das Hören der Stones, das Tragen von längeren Haaren, dass sind für die Träger der Staatsmacht vor Ort schon Handlungen gegen den Aufbau des Sozialismus. Diese, verunsichert durch die Geschehnisse in Prag, setzt einen Repressionsapparat in Gang, an dessen Ende zerbrochene Biographien stehen.
Autorenportrait:
Paul F. Duwe wurde am 28. März 1953 in Lübz/Mecklenburg geboren. Nach dem Schulbesuch bis 1969 in Lübz ging er zur Berufsausbildung zum Elektromonteur mit Abitur ins Gaskombinat Schwarze Pumpe in der Lausitz. Im November 1971 erfolgte dann, vor dem Ende der Ausbildung, die legale Ausreise in die Bundesrepublik nach Neumünster, aufgrund der Familienzusammenführung nach Freikauf des Vaters aus politischer Haft durch die Bundesregierung. 1972 zog der Autor nach West-Berlin, wo er an der Freien Universität Publizistik, Germanistik und Ostasienwissenschaften studierte. Ab 1979 war Paul F. Duwe als Volontär und schließlich als Lokalredakteur beim Spandauer Volksblatt in Berlin tätig. Seit 1986 ist er freier Journalist in Berlin.
Dienstag, 19. Oktober 2010, 19:00 Uhr
H E F T P R Ä S E N T A T I O N
HORCH & GUCK
"Recht und Gerechtigkeit - Die Jusitz und das Erbe der SED-Diktatur"

Viele sind mit der juristischen Aufarbeitung der SED-Diktatur unzufrieden. Erklärend heißt es, der Rechtsstaat sei zur Aufarbeitung einer Diktatur nur begrenzt in der Lage. Die rechtsstaatlichen Mittel reichten zur Verfolgung der Verantwortlichen und der Revision staatlichen Unrechts oft einfach nicht aus. Doch ist es nicht die tägliche Aufgabe des Rechtsstaats, sich mit Unrecht auseinanderzusetzen? Staatsanwaltschaften und Gerichte waren ja auch nicht untätig, wenn es um das SED-Unrecht ging. Doch warum erscheint ihre Bilanz so ernüchternd? Vielleicht auch, weil nun die damaligen Täter den Rechtsstaat erfolgreich nutzen, um sich Versorgungsansprüche zu sichern und ihre Spuren zu verwischen?
Über diese Fragen diskutieren:
Dr. Hans-Jürgen Grasemann
ehem. stellvertretender Leiter der Zentralen Erfassungsstelle Salzgitter
Maik Ringel
Rechtsanwalt aus Leipzig, in den neunziger Jahren Mitarbeit im Sonderausschuss zur Aufarbeitung von Amts- und Machtmissbrauch infolge der SED-Herrschaft des Sächsischen Landtags
Moderation:
Benn Roolf
Redakteur von HORCH UND GUCK
Eine Kooperationsveranstaltung mit der Aufarbeitungszeitschrift HORCH UND GUCK.
Donnerstag, 7.Oktober 2010, 19:00 Uhr
B U C H L E S U N G
Eva-Maria Neumann
„Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit“
Die Geschichte einer gescheiterten Republikflucht
Lesung und Gesprächsabend mit dem Autorin Eva-Maria Neumann
1977 an der deutsch-deutschen Grenze: „Machense mah denn Gofferraum off!“ Kläffende Suchhunde. Waffenstarrende Grenzpolizisten. Der Albtraum wird zur Realität.
Eine junge Violinistin versucht, mit ihrem Mann und ihrer dreijährigen Tochter in einem Kofferraum aus der DDR in den Westen zu fliehen. Eine stundenlange, nervenaufreibende Fahrt, zusammengepfercht mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter im Kofferraum des Schleuserautos findet ihr bitteres Ende. „Ich bin der Otto“. Das Codewort, das der Schleuser nicht kennt, soll ein Alarmsignal für die Neumanns sein. Viel später erfahren sie, dass ihre von langer Hand geplante Flucht durch Verrat aufgefl ogen ist. Die Eltern und die dreijährige Tochter werden auseinandergerissen. Es folgt der Abtransport in die Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit in Leipzig und die Verurteilung: drei Jahre für Eva-Maria Neumann, dreieinhalb Jahre für ihren Mann, die kleine Tochter kommt bei den Großeltern unter. Im berüchtigtsten Frauengefängnis der DDR erlebt sie die Härte der entwürdigenden Haftbedingungen, und die schmerzvolle Trennung von ihrem Mann und ihrer Tochter. Doch die vergangenen Ereignisse haben tiefe Spuren hinterlassen. Bereits kurz nach der Haftentlassung hat Eva-Maria Neumann versucht, die tragischen Geschehnisse zu protokollieren, aber erst dreißig Jahre später war es ihr möglich, ihre Erlebnisse niederzuschreiben. Der ergreifende Bericht über eine gescheiterte DDR-Flucht und deren Folgen, ein dunkles Kapitel deutsch-deutscher Geschichte.
Autorenportrait:
Eva-Maria Neumann, geboren 1951 in Leipzig, war nach Beendigung ihres Musikstudiums Geigenlehrerin beim Kabinett für Instrumentalerziehung des Rates der Stadt Leipzig. Im Februar 1977 versuchte sie, zusammen mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter mit Hilfe einer Schleuserorganisation in den Westen zu fl iehen. Der Plan scheiterte, die Familie wurde verhaftet. Verurteilt zu drei Jahren wegen „mehrfach versuchtem Grenzübertritt im schweren Fall und Verletzung der Ordnung im Grenzgebiet“, gelangte sie im Rahmen des Häftlingsfreikaufs 1978 in die Bundesrepublik. Seit 1982 unterrichtet sie an der Städtischen Musikschule in Aachen, ist Mitglied des „Aachener Kammerorchesters“ und veröffentlichte 2007 einen „Geigenschule“, ausgezeichnet mit dem Preis „Best Edition 2008“.
Dienstag, 28. September 2010, 19:00 Uhr
H E F T P R E M I E R E
Horch & Guck - Heft 69
„Tal der Ahnungslosen - Die Medienlandschaft der DDR und ihre Folgen“
Heftvorstellung und anschließende Podiumsdiskussion mit:
- Andreas Förster, Politikredaktuer der Berliner Zeitung
- Reinhard Schult, Bürgerrechtler und Mitglied des Berliner Abgeordnetenhaus a.D.
- Peter Grimm, Redakteur Horch & Guck

"Tal der Ahnungslosen" nannte der Volksmund die Gegenden im Nordosten und Südosten der DDR, in denen der Empfang des Westfernsehens nicht möglich war. Für die Mehrheit der DDR-Bewohner war klar, dass man sich allein aus den DDR-Medien nicht informieren konnte. Alle Versuche der SED, ihr Medienmonopol gegen die West-Sender durch Kampagnen und Störsender zu verteidigen, schlugen fehl. Am Ende der SED-Herrschaft ließen die Genossen resigniert sogar den Bau großer Gemeinschaftsantennenanlagen zu, die den West-Empfang auch im "Tal der Ahnungslosen" ermöglichten.
Trotzdem blieben die DDR-Medien natürlich nicht ohne Wirkung auf die ostdeutschen Leser, Hörer und Zuschauer. Und so einheitlich langweilig sich die Tageszeitungen oft auch lasen – in der DDR-Medienlandschaft verbergen sich spannende Geschichten. Die SED-Führung rang darum, das eigene Zensur-System zu perfektionieren und die Medien frei von unabhängigen Geistern zu halten. Manche Journalisten suchten trotzdem immer wieder nach Freiräumen jenseits der Themenvorgaben und festgelegten Sprachregelungen, die meisten taten allerdings bereitwillig, was von ihnen verlangt wurde.
Formal vom SED-Staat unabhängige Kirchenzeitungen konnten über Druckgenehmigungsverfahren zensiert und diszipliniert werden. Nichts durfte ohne Genehmigung gedruckt werden, jedes Vervielfältigungsgerät wurde argwöhnisch registriert. Trotzdem versuchten immer wieder Menschen, sich selbst zu Wort zu melden und unabhängig zu publizieren. Mitte der achtziger Jahre reichte manch einem Oppositionellen das illegal gedruckte Wort nicht mehr, so dass in Ost-Berlin plötzlich unabhängige Radiosendungen zu empfangen waren.
Auch nachdem der SED-Staat untergegangen war, wirkte die DDR-Medienwelt weiter. Fleißig schrieben die alten Journalisten für neue Auftraggeber. Die alten SED-Bezirkszeitungen nannten sich nun "unabhängig", wurden zu lukrativen Investitionsobjekten für westdeutsche Verlagshäuser und behielten – trotz des alten Personals – ihr regionales Medienmonopol. In weiten Teilen Ostdeutschlands bis heute.
Die Zeitungen, die während der Friedlichen Revolution entstanden waren, hatten hingegen kaum eine Überlebenschance. Der Zugang zu Druckereien blieb für sie erschwert, die Redaktionen bekamen allenfalls schleppend Redaktionsräume oder Telefonanschlüsse. Bis auf wenige Ausnahmen mussten sie ihr Erscheinen in den Jahren 1990/ 1991 schon wieder einstellen.
Die Genossen Journalisten hingegen kamen meist gut in die neue Zeit. Die Aufarbeitung ihrer Rolle im SED-Staat lag ihnen natürlich nicht so sehr am Herzen. Selbst Stasi-Verstrickungen wurden lange übersehen. Nur wenige Journalisten waren bereit, sich mit der eigenen Rolle in der DDR auseinander zu setzen – meist die, die zuvor schon versucht hatten, sich der Propaganda möglichst zu entziehen.
Eine Kooperationsveranstaltung mit dem Bürgerkomitee "15. Januar" e.V. (Horch und Guck).
Donnerstag, 23. September 2010, 19:00 Uhr
B U C H L E S U N G
Sascha Lange
„DJ Westradio. Meine glückliche DDR-Jugend“
Lesung und Gesprächsabend mit dem Autor Sascha Lange
„Ich wurde im Dezember 1971 in Leipzig geboren, und meine Eltern gaben mit den Namen Alexander. Als selbsternannte Ost-68er haben sie mich nach Alexander Dubcek benannt, dem tschechischen Staatschef, den die Post-Stalinisten 1968 nach dem Prager Frühling abgesetzt hatten. Auf diesen Frühling folgte ein tiefer sibirischer Winter.“

Es war die aufregendste Zeit, um erwachsen zu werden: Kalter Krieg und BRAVO-Poster, Zungenküsse und Wehrertüchtigung, Popper-Discos und Montagsdemos. Sacha Lange, Sohn des Leipziger Kabarettisten Bernd-Lutz Lange, sammelt Erinnerungen an seine DDR-Jugend und gibt einen sehr persönlichen Eindruck von seiner Kindheit in Leipzig. Er entfernt sich bewusst von der „Ostalgie“-Welle, die vor einiger Zeit ganz Deutschland in den Bann zog und versucht vielmehr, ein authentisches Bild seines Heranwachsens in der DDR zu zeichnen. Er erzählt von Kinderferienlager, Eisdiele, Hinterhofnachmittagen, Schulalltag, erstem Kuss, Freundesclique und Lehre. In Sascha Langes Erinnerungen und seinem individuellen Blick auf die Geschehnisse in Leipzig findet man weniger Unterschiede, als vielmehr Gemeinsamkeiten mit seinen Altersgenossen in der Bundesrepublik: Ebenso wie westdeutsche Kinder stand er aus Playmobil und BRAVO, und als Jugendlicher orientierte er sich an den internationalen Pop-Idolen der 80er Jahre. Die Leipziger Messe und die Mitbringsel des „Messeonkels“ ließen in früh spüren, was im Osten Mangerware war. Sanft ironisch im Ton erzählt der Autor seine Geschichte, ohne sich an ideologischen Frontlinien auszureiben. Interessant ist vor allem sein Blick auf die verschiedenen Jugendszenen, die von Punk über Popper bis hin zu Heavy Metal und so genannten Faschos reichen. Langes eigener Musikgeschmack wird natürlich auch dokumentiert.
"... hervorragend als Türöffner für eigene Erinnerungen..." Die Welt
"Ein Buch voller kleiner, interessanter Erinnerungen. Bei dem man sich entweder als Kenner selbst zurück erinnert, oder sich als Neuling freut, endlich mal kein kitschiges oder hoch politisches Bild vom Osten lesen zu können." Radio Fritz
"... Punkkonzerte, Freundeskreis und Depeche Mode - das könnte genauso gut jemand aus Frankfurt oder Hamburg geschrieben haben. Aber die Leute aus dem Westen hatten weitaus weniger Ahnung vom Leben in der DDR als umgekehrt - es sei denn, sie hatten Verwandtschaft im Osten. Insofern waren Lange und Co. weitaus besser auf die Wende vorbereitet als das umgekehrt der Fall gewesen wäre. (...) DJ Westradio ist definitiv ein lesenswertes Buch; es verdeutlicht einmal mehr die Unterschiede zwischen Ost und West - zeigt aber gleichzeitig die vielen Gemeinsamkeiten, die es gab." Frankfurter Neue Presse
Autorenportrait:
Sascha Lange wurde 1971 in Leipzig geboren und besuchte ab 1978 zehn Jahre die Polytechnische Oberschule »Arthur Hoffmann«. Es folgte eine Lehre zum Tischler für Dekorationsbau. Nach einiger Zeit als Kulissenschieber an der Oper, am Schauspielhaus und dem Ableisten des Zivildienstes holte Sascha Lange Mitte der Neunziger sein Abitur nach und studierte an der Universität Leipzig Geschichte, Journalistik und Politwissenschaften. 2009 promovierte er über oppositionelle Jugendcliquen in Leipzig während der NS-Zeit, gefördert durch ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung.
Donnerstag, 02. September 2010, 19:00 Uhr
Erika Riemann
"Die Schleife an Stalins Bart" "Stalins Bart ist ab"
Ein Mädchenstreich, acht Jahre und die Zeit danach
Lesung und Gesprächsabend mit der Autorin Erika Riemann
In ihrem Buch „Die Schleife an Stalins Bart - Ein Mädchenstreich, acht Jahre Haft und die Zeit danach“ beschreibt Erika Riemann ihre Geschichte ihrer gestohlenen Jugend und einer Befreiung aus den Mauern des Schweigens. "Ich hatte immer das Gefühl, gegen eine Wand zu laufen", sagte Erika Riemann in einem 1991 in der Frankfurter Rundschau erschienenen Porträt. Erst über fünfzig Jahre später hat sie die Sprache gefunden. um über ihre Erlebnisse zu berichten.
Spätherbst 1945 im thüringischen Mühlhausen: Erika Riemann ist vierzehn Jahre alt, als sie eines Tages mit ein paar anderen Jugendlichen ihre gerade wieder hergerichtete Schule besichtigt. Ihr Blick fällt auf ein Stalin-Bild genau an der Stelle, an der bis vor kurzem ein Hitler-Porträt hing. "Mit dem Spruch ,Du siehst ja ziemlich traurig aus`", schreibt sie, "trat ich an das Bild heran und malte mit dem Lippenstift eine kecke Schleife um den Schnauzbart." Jemand muss sie verpfiffen haben, denn schon kurze Zeit später beginnt für Erika eine achtjährige Odyssee durch ostdeutsche Zuchthäuser und Lager mit Stationen wie Bautzen, Sachsenhausen und Hoheneck. Was für sie bedeutete, eine ganze Jugend hinter Mauern zu verbringen, Prügel, Schikane, Hunger und Depression durchzustehen und nach der Entlassung zutiefst traumatisiert im bundesdeutschen Wirtschaftswunder ihre Frau zu stehen, darüber schreibt Erike Riemann in ihrem Buch. Ein erschütternder Lebensabschnitt aus der jüngsten deutschen Vergangenheit.
In ihrem 2010 erschienen Buch „Stalins Bart ist ab – Von Bautzen zum Bundesverdienstkreuz“ geht Erika Riemann den Fragen nach, wie man mit den Traumatas und den inneren Verletzungen umgeht, die die Jahre in Zuchthäusern angerichtet haben? Die Antwort: Nur reden hilft. »Wenn ich meinen Zuhörern sage, dass ich nicht weitersprechen kann, versteht das jeder. Sie begreifen auch ohne Worte, wie tief solche Erlebnisse ins Leben schneiden. In den Jahren der Haft haben sie mich so schmutzig gemacht. Mit Blicken, mit Worten, mit Gesten. Das wird man nie wieder los.«
Die Schleife an Stalins Bart hat Erika Riemann zu einer öffentlichen Person gemacht, die seit Erscheinen des Buches zu zahllosen Veranstaltungen, Lesungen, Talkshows eingeladen wurde, Berge von Briefen erhalten hat und im November 2009 das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam. Sie ist zu einer Dauerreisenden in Sachen Vergangenheitsbewältigung geworden, der es gelingt, die Menschen aus ihrem Schweigen über eigene traumatische Erfahrungen zu locken. Ihr Motto: »Die Wahrheit muss raus.« In ihrem neuen Buch berichtet sie über diese so schwierige wie lohnende Arbeit, sich den jahrzehntelang verdrängten Erinnerungen an erlittenes SED-Unrecht zu stellen. Sie spricht von sich, aber für viele.
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Autorenportrait:
Erika Riemann wurde am 25. Dezember 1930 in Mühlhausen/Thüringen in einer Arbeiterfamilie geboren und ging dort bis zu ihrem 14ten Lebensjahr in die Schule. 1945 kam sie ohne Schulabschluss in Gefangenschaft. Sie verbrachte die Jahre 1946 bis 1954 in Gefängnissen und Lagern wie Bautzen, Sachsenhausen und Hoheneck. Drei Mal war Erika Riemann insgesamt verheiratet und hat drei Kindern, zwei Söhnen und einer Tochter, das Leben geschenkt. Sie hat in den unterschiedlichsten Jobs gearbeitet und holte 1962 ihren Schulabschluss nach. Seit vielen Jahren führt Erika Riemann Zeitzeugengespräche und betreibt Aufklärung in Schulen im gesamten Bundesgebiet. 2009 wurde sie für "Engagement für Freiheit und Demokratie und für die Aufarbeitung des SED-Unrechts" mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sie lebt heute in Hamburg.
Donnerstag, 27. Mai 2010, 19:00 Uhr
B U C H L E S U N G
Torsten Schulz
"Boxhagener Platz" und "Revolution und Filzläuse"
Lesung und Gesprächsabend mit dem Autor Torsten Schulz
Wer anders als Oma Otti könnte mit fast achtzig noch ans Heiraten denken?! Dabei ist der sechste Ehemann noch gar nicht unter der Erde. In diesem Auf und Ab der Verwirrungen wird schließlich Fisch-Winkler mit einer Bierflasche erschlagen – ein Mord, der das Leben auf dem Boxhagener Platz gründlich auf den Kopf stellt. Der mit lakonischen Witz und feiner Ironie durchzogene Roman „Boxhagener Platz“ taucht ab ins tiefe Ostberlin des Jahres 1968: Die Studentenrevolte im Westen, der erste Kuss, Boxen und Fussballspielen, eine fidele Großmutter, die Expertin für Scheintod und Gegnerin des Zickenbarts Walter Ulbricht ist, und nicht zuletzt ein ehemaliger Spartakuskämpfer als zukünftiger Großvater – die Welt um den Boxhagener Platz ist schillernd, doppelbödig und alles andere als langweilig.
"Eine intelligente und ungeheuer komische Ost-Burleske." Berliner Zeitung
Liebe und Verrat in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche, Verheißungen des Lebens, die sich nicht so erfüllen wie erträumt: Torsten Schulz wirft in dem Erzählband „Revolution und Filzläuse“ Schlaglichter auf große und kleine Revolutionen, auf außerordentliche Begebenheiten im Leben ganz verschiedener Figuren. Dabei durchquert er in diesen 12 Erzählungen die deutsche Geschichte, vom Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg und die DDR bis hinein in unsere Gegenwart. Er berichtet vom Feuermelder, einer Friedrichshainer Eckkneipe, die schon sein Vater nie betrat; von einem ehemaligen Lehrer für Marxismus-Leninismus, der eine frühere Studentin trifft, die ihm als Immobilienmaklerin eine Wohnung verkaufen will und einer kleinen Filzlaus, die die Revolution aus einem Ostberliner Bordell bis in die höchsten Kreise der amerikanischen Regierung trägt. ... Doppelbödige Geschichten, lakonisch und skurril.
"Wunderbar traurig, volle Suggestivkraft - wie ein Kurzfilm." SPIEGEL Online
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Autorenportrait:
Torsten Schulz, geboren 1959 in Ostberlin, ist seit 2002 Professor für Praktische Dramaturgie an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg. Er schrieb Drehbücher für zum Teil international preisgekrönte Spielfilme (u.a. „Raus aus der Haut“ und „Im Namen der Unschuld“), drehte Doku- mentarfilme ( u.a. „Von einer, die auszog...“). 2004 erschien sein erster Roman „Boxhagener Platz“ und 2008 der Erzählungsband „Revolution und Filzläuse“. Das Hörspiel „Boxhagener Platz“ erhielt diverse Auszeichnungen und der gleichnamige Spielfilm läuft derzeit in den Kinos. Torsten Schulz lebt heute in Berlin.
Sonntag, 16. Mai 2010, 19:00 Uhr
B U C H L E S U N G
Chaim Noll
"Der Goldenen Löffel"
Lesung und Gesprächsabend mit dem Autor Chaim Noll
und Vera Lengsfeld, Vorsitzende der Europäischen Kommission für Menschenrechte

Ein junger Mann in der DDR in den Siebziger Jahren. Sein Vater ist Funktionär, es geht ihm überdurchschnittlich gut, dass die Ehe der Eltern bröckelt, interessiert ihn kaum. Er verbringt die Tage im Haus der Künstlerfamilie seiner Freundin, die Mutter zieht Strippen von Ost nach West. Alle haben sich eingerichtet. Doch bald kommt dem jungen Mann die Liebe dazwischen, und Fragen stellen sich ihm, die ihn zu etwas ganz anderem werden lassen als einem hoffnungsvollen und begeisterten Kandidaten der Partei... Chaim Noll zeichnet in diesem erstmals 1989 erschienenen Roman ein schauriges Panorama der untergehenden DDR. Er erzählt von den Vergünstigungen der Parteifunktionäre, aber auch von ihren Ängsten, Beklemmungen und dem Willen, sich zu widersetzen. Von den Mechanismen, die Menschen zerstören, sie in Paranoia, in den Alkohol, ins Mittläufertum drängen – nicht nur in der DDR.
„‘Der Goldene Löffel‘ ist das Buch eines jungen Mannes“, schreibt Chaim Noll. „Mein Gefühl, dass die Verhältnisse, die ich beschrieb, ihrem Ende zugingen, zeitigte eine Komprimiertheit des Stils, eine Geschwindigkeit im Duktus der Erzählung: atemlos aufeinander folgende Augenblicksaufnahmen, Dialoge, Reflexionen.“
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Autorenportrait
Chaim Noll wurde 1954 in Ost-Berlin geboren und wuchs als Sohn des Schriftstellers Dieter Noll in der Nomenklatura der DDR auf. Er studierte Kunst und Kunstgeschichte in Ost-Berlin, bevor er Anfang der 1980er Jahre den Wehrdienst verweigerte. 1983 siedelte er nach West-Berlin über und arbeitete dort als Journalist. Von 1992 bis 1995 lebte er in Rom und ging 1995 nach Israel. 1998 erhielt er die israelische Staatsbürgerschaft. Er veröffentlichte u.a.: „Der Abschied“ (1985), „Unheimliche Tage“ (1987), „Berliner Scharade“ (1987), „Der goldene Löffel“ (1989), „Nachtgedanken über Deutschland“ (1992), „Taube und Stern. Roma Hebraica - Eine Spurensuche „(1994), „Die Wüste lächelt“ (2001), „Meine Sprache wohnt woanders. Gedanken zu Deutschland und Israel“ (mit Lea Fleischmann, 2006).
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Lebenslauf Vera Lengsfeld
Vera Lengsfeld, geboren 1952 in Sondershausen, gehörte zu den führenden Figuren der DDR-Bürgerrechtsbewegung. Aufgewachsen in Ost-Berlin, studierte sie marxistische Philosophie und arbeitete an der Akademie der Wissenschaften der DDR und im Verlag „Neues Forum“. 1983 erhielt sie Berufsverbot wegen Proteste gegen die Stationierung sowjetischer Atomraketen in der DDR. 1985 nahm sie schließlich am Sprachenkonvikt der evangelischen Kirche in der DDR ein Theologiestudium auf. Sie organisierte maßgeblich verschiedene Friedenswerkstätten und Ökoseminare mit und begründete 1987 die Gruppe „Kirche von unten“ mit. Wegen „versuchter Zusammenrottung“ wurde sie im Januar 1988 im Vorfeld einer offiziellen Demonstration verhaftet und kam in die Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen. Nach Ihrer Abschiebung nach England kehrte sie im November 1989 in die DDR zurück. Sie war Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer und saß anschließend bis 2005 im Deutschen Bundestag. 2008 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz und lebt heute als freie Autorin in Berlin.
Donnerstag, 25. März 2010, 19:00 Uhr
B U C H L E S U N G
Klaus Kordon
"Krokodil im Nacken" und "Auf der Sonnenseite"
Leseabend mit dem Autor Klaus Kordon

Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, Zelle 102. Hier sitzt Manfred Lenz. Seine Frau Hannah ist ebenfalls inhaftiert, die Kinder Silke und Michael sind im Heim untergebracht worden. Ein missglückter Fluchtversuch aus der DDR hat die Familie auseinander gerissen. Die Zeit im Gefängnis bedeutet Einsamkeit, Schikanen und endlose Stasi-Verhöre. In seiner Isolation lässt Manfred Lenz sein bisheriges Leben Revue passieren: Die Kneipe am Prenzlauer Berg, in der er nach dem Krieg aufgewachsen ist, der Einmarsch der sowjetischen Truppen auf dem Potsdamer Platz, der Tod der Mutter, das Kinderheim, das Jugendwohnheim - und dann die nur ein paar hundert Meter entfernte Grenze nach Westberlin. Der große Roman „Krokodil im Nacken“ erzählt mit bestechender Authentizität deutsch-deutsche Zeitgeschichte.
„Auf der Sonnenseite“ ist der zweite Teil einer bewegenden Lebensgeschichte: Hannah und Manfred Lenz sind von der BRD aus der Stasi-Haft freigekauft worden; ihre Kinder werden in der DDR im Heim festgehalten. Erst zwei Jahre später dürfen sie in den Westen ausreisen. Wie dort – »auf der Sonnenseite« – das Leben aussieht, erzählt Kordon, der meisterhafte Chronist deutscher Geschichte, mit großer Authentizität und viel Gespür für historische Momente.
Darauf haben Manfred Lenz – das Alter Ego von Klaus Kordon – und seine Frau Hannah sehnsüchtig gewartet: Endlich dürfen ihre beiden Kinder in den Westen ausreisen. Nach Stasi-Haft und Kinderheim ist die Familie wieder vereint. Wie ein Fotoalbum aus Worten erzählt dieser Roman von glücklichen Tagen, vom Neuanfang im westdeutschen Wirtschaftswunderland. Lenz beginnt zu reisen, entdeckt die Ferne: zuerst als Exportkaufmann durch Osteuropa und später als Schriftsteller nach Australien und Südamerika. Aber ist er wirklich »auf der Sonnenseite« angelangt?
Autorenportrait:
Klaus Kordon wird 1943 in Berlin-Pankow geboren. Der Vater blieb im Krieg, die Mutter starb 1956. Er kam ins Kinderheim, später ins Jugendheim. Er studierte Volkswirtschaft und arbeitet im VEB Omnibus- und Lastwagen-Reparaturwerkstatt, direkt an der Grenze. Später im DDR-Außenhandelsunternehmen „intermed“. Die Flucht in den Westen missglückt. Kordon und seine Frau landen in der Stasi Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen, die Kinder im Kinderheim. Nach einem Jahr politischer Haft in der DDR zog er in die BRD. 15 Jahre lebt er im Rhein-Main-Gebiet bis er schließlich 1988 nach West-Berlin zurückzieht. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Berlin und gilt als meisterhafter Chronist deutscher Geschichte. Seine etwa 50 Romane wurden in 19 Sprachen übersetzt und mit vielen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.
Donnerstag, 11. März 2010, 19:00 Uhr
B U C H L E S U N G
Ines Geipel und Andreas Petersen
"Black Box DDR - Unerzählte Leben unterm SED-Regime"
Gesprächsabend mit dem Schweizer Journalisten Dr. Andreas Petersen
Die DDR, ein gefallener Staat, der sich hüben wie drüben der Wirklichkeit mehr und mehr entzieht. Doch wie dem Leerlauf aus Abwehr und Ignoranz entkommen? Wie das historische Vakuum fassen? Black Box DDR will konkretes Leben erzählen, mit seinen Hoffnungen, Aufbrüchen, Zufällen, Lieben und Krisen, mit kleinem Glück und brutalem Scheitern. Ein Erfahrungs-Container, durch vier Jahrzehnte, quer durch das „Kollektiv Ost“, durch alle Schichten, Berufe, Gruppierungen: vom geschassten Unternehmer der frühen DDR über die verschollene Tochter Walter Ulbrichts, von der Geschichte der Mauertoten, dem Attentäter Erich Honeckers bis zum Widerstand der Nonnen im Eichsfeld. Wie lebte man mit dem Projekt DDR? Was war möglich? Wo hörte der vermeintliche Spielraum auf? Was erzählt ein Ostberliner Kohlearbeiter, was ein Zeuge Jehovas, was eine Schülerin, die mit 15 Jahren von der Stasi zwangsverpflichtet wurde?
Mit Beiträgen u. a. von Grit Poppe, Hans-Joachim Föller, Jochen Staadt, Benedict-Maria Mülder, Roman Grafe, Thomas Purschke.
Autorenvita
Andreas Petersen ist Autor, promovierter Historiker und Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er studierte allgemeine und osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich. Er ist Gründungspräsident des „Forums für Zeitzeugen“ in Aarau, publiziert u a. in der NZZ und arbeitet als Dokumentarfilmer („Erwin Jöris – zwischen Hitler und Stalin“, 2003).
Ines Geipel ist Schriftstellerin, Professorin für Verssprache in Berlin und ehemalige Weltklasse-Sprinterin. Nach ihrem Germanistik-Studium in Jena floh sie 1989 nach Westdeutschland und studierte Philosophie in Darmstadt. Sie hat vielfach zur DDR und Nachwendethemen publiziert (Doping, Schulmassaker in Erfurt, unveröffentlichte Literatur in der DDR) und gesellschaftliche Debatten angeregt. Zuletzt erschien „Zensiert, verschwiegen, vergessen – Autorinnen in Ostdeutschland 1945 – 1989“.
Donnerstag, 25. Februar 2010, 19:00 Uhr
B U C H L E S U N G
Karl-Heinz Richter
"Mit dem Moskau-Paris-Express in die Freiheit - Eine Flucht von Ost nach West"
1964 gelingt acht Gymnasiasten die spektakuläre Flucht von Ost- nach Westberlin: In einem Zeitraum von drei Wochen springen sie - allein oder zu zweit - aus einem Versteck unmittelbar hinter dem Bahnhof Friedrichstraße auf den Moskau-Paris-Express auf, der jeden Abend um 20:53 Uhr scharf bewacht Richtung Westen rollt. Die Gruppenflucht gelingt, nachdem ein Schüler einen geheimen Zugang zum Gleisbett entdeckt hat. Den patrouillierenden Grenzposten aber ist für genau jene Sekunden die Sicht versperrt, in denen der Zug die Brücke passiert. Die Sache fliegt auf, als einer der Pennäler beim Aufspringen, Karl-Heinz Richter, stolpert. Sein Freund schleift ihn noch einige Meter mit, dann verlässt ihn die Kraft. Karl-Heinz Richter aber springt aus Angst vor Entdeckung eine sieben Meter hohe Mauer hinunter und bricht sich beide Beine.
Spannend und authentisch erzählt Karl-Heinz Richter die dramatische Geschichte seiner Flucht. Der Erinnerungsbericht zeigt einmal mehr: Die Freiheit ließ sich nicht einmauern oder mit Gewehren bewachen. Um sie zu erreichen, setzten unzählige Menschen immer wieder alles auf eine Karte - auch ihr Leben.
Autorenvita
Karl-Heinz Richter wurde 1946 in Schwarzheide im Kreis Calau geboren. 1963 machte er die mittlere Reife und begann noch im selben Jahr eine Ausbildung als Büromaschinenmechaniker. Im Januar 1964 scheiterte sein Fluchtversuch aus der DDR und er wurde inhaftiert. Nach der Haftentlassung beendete er seine Berufsausbildung erfolgreich und war in verschiedenen Berufen tätig. Unter anderen auch als Monteur in den Rohrwerken Bitterfeld. 1975 reiste er endlich mit seiner Frau und Tochter nach Westberlin aus. Neben langjährigen Auslandsaufenthalten war er als Fernfahrer und in anderen Berufen tätig. 1979 erhielt er wegen Fluchthilfe Transitverbot durch die DDR. Heute lebt Karl-Heinz Richter mit seiner Frau in Berlin.
B U C H L E S U N G
Donnerstag, 11. Februar 2010, 19:30 Uhr
Karl-Heinz Baum und Roland Walter (Hrsg.)
"... ehrlich und gewissenhaft ... - Mielkes Mannen gegen das Neue Forum"
Akribisch hat das DDR-Ministerium für Staatssicherheit unter seinem gefürchteten Minister Erich Mielke jahrzehntelang gearbeitet. Als sich die Bürgerbewegung organisierte, waren die Dämme schon fast gebrochen. Mielkes Mannen blieb es nur noch überlassen, das Protokoll des Abgesangs der DDR zu führen. Das zeigt eine Auswahl von Stasi-Aktenblättern aus der Region Chemnitz, die in diesem Buch dokumentiert sind. Ins Visier des MfS geriet besonders Martin Böttger, damals Mitbegründer des Neuen Forums in Sachsen. Seine Erinnerungen sowie jene von Karl-Heinz Baum, langjähriger DDR-Korrespondent der Frankfurter Rundschau ergänzen den Band.
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Pressestimmen
„Was wären alle Darstellungen zur DDR-Geschichte wert, wenn sie nicht durch Bücher flankiert würden, die zu verstehen helfen, wie es einzelnen Menschen ergangen ist? Dieser Aufgabe stellen sich die Herausgeber und Autoren in äußerst gelungener Weise. ... Dank kompetenter und glaubwürdiger Autoren ist ein beeindruckendes Buch gelungen.”
Michael Richter, Totalitarismus und Demokratie, Hg. Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der Technischen Universität Dresden
„Noch vor dem Jubiläum ‘20 Jahre Herbstrevolution’ haben Karl-Heinz Baum und Roland Walter anhand der Ereignisse in Karl-Marx-Stadt im Herbst 1989 Maßstäbe gesetzt. Sie zeigen in einem teils jüngeren Lesern, teils Mitstreitern und Zeitgenossen aus Chemnitz ans Herz zu legenden Sachbuch anschaulich, wie lebendig sich IM-Berichte und Erinnerungen von Zeitzeugen verknüpfen lassen.“
Helmut Müller-Enbergs, HORCH und GUCK
„Mit den dokumentierten Berichten gelingt es den Herausgebern die Unaufhaltsamkeit des ‘wind of change‘ zu belegen, der die Akteure des Neuen Forums zunächst empor getragen, dann aber ebenso unbarmherzig schnell fallen gelassen hat.”
Matthias Kluge, Deutschland Archiv
„Böttger ist einer der Vierzigjährigen, einer, der Verantwortung für eine große Familie hatte und der dennoch mit seiner Frau die Revolution wagte. Sie wollten nicht zusehen, wie ein Kind nach dem anderen die DDR verlassen würde. So gingen sie das Wagnis eines Lebens in der Wahrheit ein.”
Peter A. Tüth, Rheinischer Merkur
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Karl-Heinz Baum, geb. 1941 Breslau, Studium FU Berlin und Universität Mainz, seit 1966 freier Journalist in Mainz. 1977-1990 DDR-Korrespondent der Frankfurter Rundschau. Nach dem Ende der DDR politischer Redakteur im Berliner FR-Büro. Seit 2003 freier Journalist und Autor in Berlin.
Martin Böttger, geb. 1947 Frankenhain/Sachsen. Physikstudium TU Dresden. Bei vielen oppositionellen Aktionen in der DDR dabei; gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) und 1989 zu denen des Neuen Forums. Leiter der Außenstelle Chemnitz der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen.
Die Veranstaltung wird unterstützt von zba.BUCH Berlin (www.zba-buch.de).
Donnerstag, 14. Januar 2009, 19 Uhr
B U C H L E S U N G
Christoph Links, Sybille Nitsche und Antje Taffelt
"Das wunderbare Jahr der Anarchie - Von der Kraft des zivilen Ungehorsams 1989/90"
Es war zwar verboten, aber wir haben es trotzdem gemacht! Unter diesem Motto ist in Ostdeutschland zwischen Herbst 1989 und Herbst 1990 Geschichte geschrieben worden. Den erstarrten Verhältnissen in der DDR war nur beizukommen, wenn man sich über alte Regeln hinwegsetzte und das Neue mutig wagte. So wurden kurzerhand Bürgermeister und Betriebsleiter entmachtet, Kasernen und Gefängnisse belagert, Geheimdienstzentralen besetzt und Redakteursräte organisiert, Bürgerbewegungen und neue Parteien gegründet. Plötzlich spürten viele ihre Kraft und starteten in die spannendste Zeit ihres Lebens. Dutzende dieser Erinnerungen sind im vorliegenden Buch zusammengetragen worden, die das überraschende Ausmaß an Phantasie und kreativem Potential jener Zeit verdeutlichen, aber auch die Absurdität und Komik mancher Situation belegen.
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Pressestimmen
Die Autoren Christoph Links, Antje Taffelt und Sybille Nitsche füllen eine Lücke: Sie sind ein Jahr lang durch die Ex-DDR gereist und haben vor Ort Abenteuergeschichten aus jenen Chaos-Tagen 1989/90 gesammelt - eine ebenso spannende wie rührende und naive Lektüre.
Ulrich Schwarz, Spiegel special (Bücher 2004), September 2004
Es finden sich 40 aufregende Geschichten aus dem letzten, dem wohl besten Jahr der DDR, die von der ungebrochenen Gestaltungsfreude ihrer Menschen berichten, die eben nicht mehr gelebt werden wollten von einem administrierenden, bevormundenden Staatssozialismus.
Stefan Bollinger, Neues Deutschland, 6.10.04 (Messebeilage)
Es ist ein großes Verdienst des Buches zu zeigen, wie der mutige Geist nicht nur in den Großstädten, sondern auch auf dem Lande dazu beigetragen hat, die Diktatur zu stürzen. Um so rätselhafter und erschütternder ist es, daß diese Tat im gesamten deutschen Geschichtsbewußtsein kaum einen Platz hat, so, als hätte es sie nie gegeben. Ein wenig möge das Buch dazu beitragen, daß sich das ändert.
Wolfgang Schuller, F.A.Z., 20.4.05
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Autorenvita
Dr. Christoph Links, Jahrgang 1954, geboren in Caputh/Potsdam, 1975–1980 Studium der Philosophie und Lateinamerikanistik in Berlin und Leipzig, 1980–1986 Lateinamerika-Redakteur bei der »»Berliner Zeitung«, nebenberuflich Sachbuchautor und Literaturrezensent für die Kulturzeitschrift »Sonntag«, 1986–1989 Assistent der Geschäftsleitung im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, Dezember 1989 Gründung des Ch. Links Verlages mit dem Schwerpunkt Politik und Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts, Mitglied im P.E.N.-Club (seit 1991), 1992–2002 Mitglied des Aufsichtsrates der Frankfurter Buchmesse, 1998–2005 Mitglied des Mittelstandsbeirates des Bundeswirtschaftsministeriums, 2008 Promotion am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität Berlin, zahlreiche Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen sowie Herausgaben zur Literatur- und Zeitgeschichte.
Sybille Nitsche, Jahrgang 1960, Studium der Pädagogik in Berlin und Leipzig, 1984–87 Arbeit als Deutsch- und Geschichtslehrerin in Berlin, ab 1988 Redakteurin bei verschiedenen Zeitungen, seit 2003 freie Journalistin. Bücher im Ch. Links Verlag: »Das wunderbare Jahr der Anarchie. Von der Kraft des zivilen Ungehorsams 1989/90« (mit Christoph Links und Antje Taffelt), 2004.
Dr. Antje Taffelt, Jahrgang 1949, Dr. phil., Studium der Germanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Literaturgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR, Lektorin und Verlagsarbeit im Bereich Werbung und Presse, journalistische Tätigkeit, ab 1997 freie Sachbuchlektorin vornehmlich auf dem Gebiet der Zeitgeschichte. Bücher im Ch. Links Verlag: »Das wunderbare Jahr der Anarchie. Von der Kraft des zivilen Ungehorsams 1989/90« (mit Christoph Links und Sybille Nitsche), 2004.
Die Veranstaltung findet mit Unterstützung des Ch. Links Verlags statt (www.linksverlag.de).
B U C H L E S U N G
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Eberhard Behrens, geboren am 31. Oktober 1933 in Berlin,widmete sich 1951‑1957 zunächst dem Theologiestudium an der Kirchlichen Hochschule und der Humboldt-Universität zu Berlin und immatrikulierte sich später im Studiengang Veterinärmedizin. Sein zweites Studium musste er im Zusammenhang der Ereignisse um den 13. August 1961 abbrechen. Er trat daraufhin in den kirchlichen Dienst und war zunächst als Pfarrer tätig. Von 1982‑1994 wirkte er als theologischer Mitarbeiter des Gustav-Adolf-Werks. Er unternahm wiederholte Besuchsreisen und begleitete Hilfstransporte in die Ukraine. In den Jahren 1998‑2006 bekleidete er auf Einladung des Bischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche wiederholt Pastoraldienste in Kamyschin an der Wolga. Er lebt heute in Potsdam.
Die Veranstaltung findet mit Unterstützung des Osteuropa Zentrum statt (www.osteuropa-zentrum.de).
Mittwoch, 9. Dezember 2009, 19 Uhr
B U C H L E S U N G

Wer einmal die DDR in Richtung Westen verlassen hatte und dann zurückkehren wollte, musste ein entnervendes Durchleuchtungs- und Umerziehungsprogramm über sich ergehen lassen. Im Zentralen Aufnahmeheim Röntgental am Rande Berlins hatten die Rückkehrer wochen-, oft monatelang auszuharren, bis sie zurück zu ihren Familien durften. Viele erlitten einen "Lagerkoller", mehrere nahmen sich dort das Leben.
Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall hat der ZDF-Reporter Ulrich Stoll zahlreiche Rückkehrer besucht und ihre Geschichten rekonstruiert. Er traf auf Familien, die erpresst und als Geiseln genommen wurden, um republikflüchtige Angehörige zur Rückkehr zu bewegen. Er hörte von Skepsis und Argwohn im gesellschaftlichen Umfeld, in dem die Rückkehrer nicht willkommen waren, sondern bespitzelt und als "Verräter am Sozialismus" ausgegrenzt wurden. Ein Buch voller erschütternder persönlicher Schicksale.
Pressestimmen:
Der ZDF-Reporter Ulrich Stoll erzählt in seinem jetzt erschienenen Buch die zum Teil äußerst tragischen Schicksale von acht DDR-Heimkehrern und eröffnet damit einen Einblick in ein bisher völlig unbekanntes Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte.
Stefan Locke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 4.10.2009
Die Geschichten, die dieses Buch erzählt, machen den Leser wütend und ratlos. Jedem, der auch nur ansatzweise an Ostalgie leidet, sei die Lektüre wärmstens empfohlen.
Dorothea Heintze, NDR Info, 10.10.09
Hilflos und wütend machen diese betont sachlichen Biografien, hinter denen sich menschliche Katastrophen offenbaren. Ulrich Stoll hat sich zum Sprecher einer über den Jubiläumsfeiern fast vergessenen Minderheit gemacht. Dafür gebührt ihm Dank und Anerkennung für journalistische Spitzenleistung.
Irene Schröder, Badisches Tagblatt, 21.11.09
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Autorenvita:
Jahrgang 1959, Studium der Geschichte, Literatur- und Theaterwissenschaft in München, seit 1984 freier Journalist für den WDR ("ZAK", "Monitor"), seit 2001 Reporter des ZDF-Magazins "Frontal 21", Autor zahlreicher TV-Dokumentationen für ARD, ZDF und ARTE, darunter "Hitlers Traum von Micky Maus – Zeichentrickfilm im III. Reich" (ARTE 1999), "Im Fadenkreuz des Staates – Der Große Lauschangriff" (mit H.-C. Schultze, ARD 2004) und "Fluchtburg Liechtenstein – Das Geldversteck der Reichen" (mit H. Klar, ZDF 2008). Parallel zu diesem Buch realisierte er gemeinsam mit Bettina Renner die ZDF/ARTE-Dokumentation "Einmal Freiheit und zurück – Die Geschichte der DDR-Rückkehrer ", die 2009 ausgestrahlt wird.
Die Veranstaltung findet mit Unterstützung des Ch. Links Verlags statt (www.linksverlag.de).
Donnerstag, 17. Dezember 2009, 19 Uhr
B U C H L E S U N G
Grit Poppe "Weggesperrt"
anschließend Gespräch mit den Zeitzeugen Stefan Lauter und Kerstin Kuzia .
Anja sah eine hohe Mauer auf der rechten Seite, links das Gebäude mit den vergitterten Fenstern. Vor ihr ein zweites Tor. Wie in Zeitlupe schob sich dir graue Metallwand hinter ihr zu. Das war`s also, ja? Sie wurde weggesperrt. In den Knast. Das Wort Hochsicherheitstrakt“ kam ihr in den Sinn. Es konnte doch nicht sein, dass sie sie in ein Gefängnis steckten!? Ohne ein Urteil? Ohne eine Verhandlung? Ohne einen Richter? Einfach so? DDR 1988. Als Anjas Mutter einen Ausreiseantrag aus der DDR stellt und von der Stasi verhaftet wurde, wird die 14-jährige in einen Jugendwerkhof, eine Einrichtung der Jugendhilfe, gebracht. Anja ist geschockt von der Willkür der Erzieher, der Gewalt und dem Drill: Sport und Arbeit bis zum Umfallen. Anja fragt sich immer wieder, was sie denn verbrochen hat. Es gibt nur einen Ausweg: Flucht. Als es ihr schließlich gelingt, taucht sie bei Verwandten unter. Doch durch einen dummen Zufall wird sie entdeckt und in den Jugendwerkhof zurück-gebracht. Also wieder Arbeit, Strafen, Drill und Sport bis zum Umfallen. Anja versucht sich möglichst unauffällig zu verhalten, bis sie ausrastet und es heißt: ab nach Torgau! Kann es denn noch schlimmer kommen?
In der Buchhandlung89 liest die Autorin Auszüge und spricht mit den Zeitzeugen Stefan Lauter und Kerstin Kuzia. Beide Zeitzeugen sind ehemalige Insassen des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau und ihre Geschichte sind die Grundlage des Romans.
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Autorenvita
Grit Poppe wird am 25. Januar 1964 in Boltenhagen als Tochter des Physikers und Bürgerrechtlers Gerd Poppe geboren. Sie wächst in Stahnsdorf bei Potsdam auf, wo sie auch nach der Scheidung der Eltern die Schule besucht. Nach einer Lehre als Sekretärin arbeitete sie im DEFA-Studio für Spielfilme und später in der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Zu Wendezeiten engagierte sie sich in der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt und wurde Geschäftsführerin von DJ (später Bündnis 90) für das Land Brandenburg (bis 1992). Schon als Schülerin hatte Grit Poppe den Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Von 1984 bis 1988 studierte sie am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig. 1989 debütierte sie mit dem Erzählband „Der Fluch“. Sie schreibt Romane und Geschichten für Kinder und Erwachsene und lebt mit ihren beiden Kindern (Sohn und Tochter) in der Landeshauptstadt Brandenburgs Potsdam.
Kerstin Kuzia durchleidet das Jugenderziehungssystem der DDR und wird in den berüchtigten Jugendwerkhof Torgau eingewiesen. Geboren 1967, wird sie 1977 wegen Verhaltensauffälligkeiten, sowie Überlastung der Mutter mit drei Kindern in die staatliche Fürsorge übergeben. Sie wächst in verschiedenen Kinderheimen auf. Als sie 16 Jahre alt ist, gibt ihre Mutter das Sorgerecht ganz ab. Im GJWH Hummelshain in Thüringen informiert eine gleichaltrige Mitbewohnerin die Heimleitung über einen geplanten Ausbruch. Deshalb wird sie im August 1984 in den Jugendwerkhof Torgau transportiert.
Stefan Lauter, geboren 1967, bekommt als Jugendlicher Schwierigkeiten mit seiner Mutter. Er tritt aus der FDJ aus, äußert kritisch seine Meinung, ist Teil der Punkbewegung und engagiert sich in der Kirchengemeinde. Seine Mutter fühlt sich zunehmend überfordert und beantragt, ihn in ein Erziehungsheim einzuweisen. Zunächst im Jugendwerkhof Freital untergebracht, versucht er, von dort zu fliehen. So kommt er im Februar 1985 wegen "Nichteinordnung in das Kollektiv“ in den Jugendwerkhof Torgau.
Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Vereinigung der Opfer des Stalinismus e.V. Landesverband Berlin-Brandenburg statt (www.vos-ev.de).
Montag, 21. Dezember 2009, 17 Uhr
F I L M V O R F Ü H R U N G
Gesicht zur Wand

Gesicht zur Wand ist ein sehr persönliches Portrait über fünf durch die Stasihaft traumatisierte Menschen. Sie stehen für eine Gruppe von 72.000 ehemals inhaftierten DDR-Republikflüchtigen. Der Film lebt von der Authenzität ihrer Personen und ihrer - durchaus unterschiedlichen - Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit, von dem „sich wieder hinein versetzen in erniedrigende Situtationen“. Ihr Leiden wird mit zunehmender Dauer des Film fühlbar, ohne damit ein Opfermythos zu bedienen. Der Film stellt die Methoden Staatssicherheit bloß. Dem unbeteiligten Zuschauer erscheinen sie fern, beinah mittelalterlich, für die Dabeigewesenen sind sie absolut gegenwärtig und liegen wie ein Stein auf der Seele. Wenn man sich auf seinen nüchternen Stil einlässt, zieht er einen in seinen Bann.
"... stellt die Methoden der Staatssicherheit bei der „Bearbeitung“ und Inhaftierung politischer Gegner und missliebiger Personen auf sehr erhellende Weise bloß." (Marianne Birthler, Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik)