Der lange Arm der Stasi: Folter, Psychoterror, DDR-Nostalgie - Persönliche Zeugnisse
Alles schon vergessen?
150.000 DDR-Bürger riskierten bei der Flucht in den Westen ihr Leben. Nur 40.000 haben es geschafft. 71.000 mussten wegen „Republikflucht“ ins Gefängnis. Etwa 800 Mutige starben beim Fluchtversuch. Psychoterror, Folter, Abhören, Zwangseinweisung in die Psychiatrie, keine Reise- und Meinungsfreiheit: Dies war die hässliche Fratze der SED-Diktatur. Klein, grau und fügsam sollte der Genosse möglichst bleiben, sonst galt er als Staatsfeind. Bloß kein Selbstwertgefühl – ein Fünkchen hiervon genügte, um diffamiert zu werden.
So erscheint die heutige Verharmlosung dieses menschenverachtenden Unrechtsstaates als Verhöhnung seiner Opfer – die heute gar zu Tätern werden, wenn sie die Namen ihrer einstigen Peiniger öffentlich benennen. Die DDR – ein kleines Fleckchen heile Welt, ein Arbeiter- und Bauernstaat mit Vollbeschäftigung, in dem die Menschen glücklich waren und wo es bloß viele skurril-niedliche Sachen gab – wie Trabbi und Sandmännchen, Poliklinik und Kinderkrippe?
Und heute? Die Stasi lebt weiter. Vielerorts. So auch in der Partei „Die Linke“, deren Bundestagsfraktion der Bundesverfassungsschutz beobachtet. Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte, Diskussionen und die Gedenkfeiern an Opferstätten werden gezielt gestört, Enthüllungen rabiat verhindert. So manches Opfer, das die posttraumatischen Störungen seiner grausamen Haft noch nicht überwunden hat, wird längst abermals mit Psychoterror bombardiert.
Um die unselige Folklorisierung der DDR zu entmythologisieren und um auf die Verbrechen der SED-Diktatur aufmerksam zu machen, haben Opfer ihre bewegende und erschütternde Geschichte niedergeschrieben.
„Die Aufarbeitung der DDR-Diktatur betrifft viele Bereiche individuellen und gesellschaftlichen Lebens. Zu ihr gehört insbesondere die Erinnerung an die Opfer, denen durch Überwachung, Verfolgung, Zersetzung und Haft Jahre, gar Jahrzehnte ihres Lebens gestohlen worden sind. Die MfS-Akten sind Zeugnisse dessen, was Menschen angetan wurde. Deshalb ist es auch eine Frage des Respekts gegenüber den Opfern, dieses Unrecht gewissenhaft zu erforschen und zu veröffentlichen.“
Aus „Psychoterror, Folter, Wanzen“ von Ellen Thiemann
Die Autoren:
Constantin Magnis (Vorwort) | Karl Wilhelm Fricke | Ellen Thiemann | Chaim Noll | Alexander Richter | Eva-Maria Neumann | Uta Franke
„Das Gefühl des Eingesperrt-Seins, der ständigen Kontrolle. Es war in der DDR unmöglich, Menschen auf der Straße mit der Kamera nach ihrer Meinung zu befragen. Jede Reportage musste genehmigt werden. Das war Presse minus Freiheit.“
„Denen, die die DDR verklären, möchte ich eine Woche ‚DDR pur’ verordnen: eingemauert, mit Horch und Guck, Schlangestehen vor dem HO-Geschäft und ein graues Erich-Foto an der Wand. Viel Spaß!“
Ernst Elitz, ehemaliger Leiter des Deutschlandfunks, arbeitete von 1974 bis 1985 für das ZDF als Berlin- und DDR-Korrespondent.
„In der Linken steckt nach 19 Jahren deutscher Einheit viel mehr SED als den meisten Leuten bekannt ist. Mehr als die Hälfte der Parteimitglieder gehörte bereits der SED an, Co-Parteichef Lothar Bisky ist schon zu Zeiten von Walter Ulbricht der Partei beigetreten, ebenso Fraktionschef Gregor Gysi. Insbesondere im Osten Deutschlands bilden alte Parteigänger der DDR-Diktaturpartei einen Großteil ihrer Mitgliedschaft.“
Dr. Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.