Der Hass stirbt mit der Erinnerung: Die Geschichte eines Todesschusses an der innerdeutschen Grenze


Der Hass stirbt mit der Erinnerung: Die Geschichte eines Todesschusses an der innerdeutschen Grenze

Artikel-Nr.: 9783932805004
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Sigrid Drechsler stammt aus der Nähe von Dresden. Bevor sie zu unserem Verlag stieß, brachte sie in Eigeninitiative bereits ein Buch heraus ("Im Schatten von Mühlberg"), in dem sie die tragische Geschichte ihres Vaters nachzeichnet, der nach dem Krieg im Speziallager Nr.1 des sowjetischen Geheimdienstes in Mühlberg/Elbe umkam. Sie hat damit ein wichtiges Stück Vergangenheitsaufarbeitung geleistet, das in der DDR unter dem Gebot des Schweigens stand. Sigrid Drechsler ist in der DDR aufgewachsen. Vorbelastet durch das Schicksal ihres Vaters musste sie dort ungünstigere Entwicklungsbedingungen in Kauf nehmen. Trotzdem schloss sie ein Studium ab, musste aber durch die Ablehnung des politischen Systems weitere Nachteile in Kauf nehmen. Mit ihrem Buch "Der Hass stirbt mit der Erinnerung" gelang ihr die Aufarbeitung eines weiteren Kapitels dunkler DDR-Vergangenheit. Als sie in den fünfziger Jahren ihr Forstpraktikum in einem Grenzdorf im Harz absolviert, wird sie fast unmittelbare Zeugin, wie ein Studienfreund, der sich zufällig im Sperrgürtel aufhielt, grundlos durch die Kugel eines Grenzers niedergestreckt wird. Ohne Hass gelingt es ihr, nach vier Jahrzehnten die Atmosphäre im Grenzgebiet und den Kasernen zu rekonstruieren und damit auf der Grundlage des persönlichen Erlebnisses ein aussagefähiges Zeitzeugnis zu schaffen. Leseprobe Sigrid Drechsler: Der Haß stirbt mit der Erinnerung Ich hasse diese Sonne. Ich hasse diesen Tag, an dem die Sonne nicht scheinen dürfte, nicht nach meinem Empfinden. Sie strahlt heiß und erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel und nimmt keine Rücksicht, nimmt keinen Anteil an den Ereignissen, die mich zerwühlen. Ich komme von einem Begräbnis. Ich bin fortgelaufen, ehe die Trauerfeierlichkeiten beendet waren, ich konnte es nicht mehr ertragen. "Nimm dich doch zusammen", hatte mein neben mir stehender Kollege Klaus gesagt, als meine Tränen ungehemmt flossen. Wir beide waren dienstlich auf diesem Begräbnis, in Forstdienstbekleidung. In Dienstbekleidung darf ich nicht weinen, nicht beim Klang der Jagdhörner mit ihrem "Jagd vorbei", nicht beim Widerhall der spärlichen Glocke. Ich war dienstlich hier und mußte Haltung zeigen. Mein Herz war zu dieser Vergewaltigung nicht bereit, es ließ sich nicht zwingen. Ich weinte um meinen Kommilitonen Martin Schulz. Vor drei Wochen war ich auf seinem Polterabend gewesen. Die Schulkameraden, die bei der Grenzpolizei im Ort ihren Wehrdienst leisteten, waren auch alle zugegen. Es war ein lustiger Abend, Martins Polterabend, mit viel Liedern, Jagdsignalen, Wein und Lachen. Martin ist vor drei Tagen erschossen worden, mitten in Deutschland, an einer Grenze. Grundlos, aber genau gezielt und unumkehrbar. Martin ist tot. Ich lebe, stehe an seinem Grab unter der brennenden Sonne und sehe die Verzweiflung und den Schmerz seiner jungen Frau, deren Ehe reichlich vierzehn Tage gedauert hat. Mein Blick wandert von der kindlichen, verschleierten, schwarzen Gestalt zu den anderen Trauergästen. Neben mir unbekannten Angehörigen erkenne ich Oberförster Freyer und seine kleine freundliche Frau. Sie darf weinen. An der Längsseite des offenen Grabes drängt sich die sechsköpfige Gruppe der Schulfreunde in Grenzuniform, einander Halt gebend. Wir alle besuchten vor vier fernen Jahren gemeinsam die Forstfachhochschule. Martin gehörte auch dazu. Er war der Fröhlichste von allen. Martin ist tot. Er liegt starr und kalt in diesem hölzernen Sarg, den man mit grünen Fichtenzweigen geschmückt hat. Grüne Zweige tragen Hoffnung. Worauf? Niemand wird je wieder Martins unwahrscheinlichen Geschichten lauschen können. Der Klang seiner Zither, der seine lebendigen Hände die frohen, frechen Lieder entlocken konnten, ist verstummt. Sie sollten ihm die Zither mit ins Grab geben. Verschwommen erkenne ich neben zwei anderen Grenzsoldaten Georg, doch seine braunen Augen halten meinem stummen Schrei nicht stand. Er schaut zu Boden, er weicht mir aus. Vielleicht ahnt er, daß ich ihn anklage. Ich sehe in ihm zur Stunde den Handlanger derer, die den Befehl zum Schießen erteilten. "Fürchte dich vor den Gleichgültigen", sagt ein altes Sprichwort, "sie verraten nicht, sie töten nicht, aber durch ihre schweigende Zustimmung gibt es auf der Welt Mord und Verrat". Georg gehört zu den Gleichgültigen. Sie sagen, es wäre ein Unfall gewesen, aber es war kein Unfall. Bei einem Unfall löst sich die Kugel plötzlich, aus Versehen, oder sie ändert durch äußere Einflüsse ihren Lauf, oder es fällt jemand in ihre Flugbahn. Hier war genau gezielt worden. Wissentlich genau gezielt und getötet worden. Georg kommt mir sehr klein vor, als wolle er nicht zugegen sein. Natürlich muß er als Leutnant des Grenzkommandos Carolastein an der Trauerfeier teilnehmen. Er war Martins Vorgesetzter. In wenigen Wochen wäre Martin nach dreijähriger Dienstzeit bei den Grenztruppen "in Ehren" von ihm verabschiedet worden. Sie haben die Fahne mitgebracht, die Fahne mit den DDR - Emblemen, Hammer und Zirkel im Ährenkranz. Sie senken sie über das offene Grab. Die feierliche Geste stört mich, es liegt ein Widerspruch in dieser Ehrung. Meine Traurigkeit aber verwehrt, daß ich die Ursache der Unstimmigkeit erkenne. Dieser Tod und der stille Fahnengruß der Soldaten unter Georgs unendlich verlorenem Blick wollen nicht zueinander passen. Ich weiß nicht, warum.

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